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10.32. Halloween zwischen Bedürfnis und Angebot (Alexander G. Keul) - Langtext

10.32.1. Einleitung

Halloween, in Europa früher nur ein Fremdwort aus Entenhausen, mausert sich neuerdings zum schillernden Phänomen des Kulturwandels, reizt die Wirtschaft zum Aufspringen, Kirchenleute zum Widerspruch, verwirrt Erziehungsberechtigte und Lehrerschaft, alarmiert Volkskundler, Ethnologen und Sozialforscher. Amerikanischen PsychologInnen fiel, wie die psychologische US-Forschungsdatenbank PsycINFO zeigt, zum Thema Halloween in 20 Jahren nicht viel mehr ein als Geschlechtsstereotypien der Masken, Masken und Deindividualisierung, „pagane” Identitäten oder die Angst vor Hexen.[4016] Die deutsche Psychologie-Forschungsdatenbank Psyndex kennt bis 2002 kein Stichwort Halloween.

Eine Bilanz der Vorgeschichte und der ersten europäischen „Feierjahre” legt der zweite Halbjahresband 2001 der Zeitschrift für Volkskunde mit Beiträgen aus Irland, Frankreich, Italien, Spanien, Norwegen, Schweden, Holland, Österreich, der Schweiz und Deutschland. Gottfried Korff[4017] formuliert eingangs einige Diskurslinien und Fragen, unter anderem zur historischen Mutation des Brauches, zur Korrespondenz zwischen modernen Identitätsentwürfen und Konsumpraktiken, zur Rolle von Medien und Kommerz, zur Integration von Kürbis und Harry Potter, zur Kombination von Schüler- und urbanem Distinktionsbrauch, zur Säkularisierung („kleine Transzendenz”) des Alltags, zu konfessionellen Reaktionen, zur Projektion verdrängter Inhalte und spielerischer öffentlicher Erinnerung an den Tod und zur möglichen Überinterpretation von Halloween. Gottfried Korff meint, dass der Komplex Halloween viel leistet, „weil er viel zuläßt, d. h. weil er Lesarten in vielfältiger Form gestattet”.[4018]

Das Schwerpunktheft enthält auch einen Beitrag über Österreich[4019] mit einer Themen- und Medienübersicht. Es lag daher nahe, die volkskundliche Sicht durch eine psychologische Feldstudie zu ergänzen – ein seit mehreren Jahren in der Kooperation mit dem Salzburger Landesinstitut für Volkskunde (Dr. Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Institutsleiterin) bewährtes Konzept.

10.32.2. Die Salzburger Halloween-Studie 2002

Als low budget-Ansatz bot sich die Ausschreibung des Themas als Gruppenarbeit für die Pflichtlehrveranstaltung „Übung: Methoden der Beobachtung und Beschreibung” im Wintersemester 2002/03 am Institut für Psychologie der Universität Salzburg an. Die sieben TeilnehmerInnen der „Halloween-Gruppe” waren Miriam Vierhauser, Jasmina Skenderovic, Günter Roland, Zeliha Özlüm, Marlene Kranawetvogel, Beatrix Kohlhauser, Clara Havas, Andrea Wimmer und Angelika Kerschhuber. Nach anfänglicher Ratlosigkeit, wie ein so vielschichtiges Phänomen wie Halloween denn überhaupt aufzufangen und abzubilden wäre, einigten sich Gruppe und Betreuer auf ein deskriptiv-phänomenologisches Herangehen in Kleingruppen- und Einzelarbeiten zu verschiedenen Aspekten und Lokalisationen des Brauchs. Dabei sollte im Zentralraum Salzburg und im nahen Oberösterreich-Land auch einer Frage von Gottfried Korff[4020] Korff, Gottfried: Halloween in Europa. Stichworte zu einer Umfrage. In: Zeitschrift für Volkskunde 97. 2001, S. 184.

10.32.3. Halloween im Land-Kindergarten (persönliche Umfrage)

Andrea Wimmer befragte Kindergärtnerinnen von sechs Land-Kindergärten im oberösterreichischen Innviertel (Ostermiething, Eggelsberg, Haigermoos, Ach, zwei in Mattighofen) über deren Einstellung zu Halloween, Angebote und Nachfragen durch die Kinder. In vier Kindergärten wurde nichts speziell angeboten, in einem Kürbisschnitzen, in einem weiteren eine spielerische Mischung aus Kürbis, Harry Potter und Halloween- Elementen. Die Einstellung der Kindergärtnerinnen war an fünf Standorten eher negativ (kein österreichischer Brauch, amerikanisch, kann man Kindern nicht erklären) und an einem Standort positiv (jüngere Kindergärtnerin geht selbst verkleidet auf Halloween- Party im Stammlokal). Die Mehrheit der Befragten meinte, das Laternenfest zu St. Martin sei schöner, hätte einen religiösen Hintergrund und die Kinder wären durch die Gleichzeitigkeit des Heiligen Martin und Halloween vielleicht überfordert. Auch seien Halloween-Spukthemen für Kinder mit Trennungsschwierigkeiten eher kontraproduktiv. In drei Kindergärten sprachen Kinder das Thema selbst an. An einem Standort kam ein Kind im Hexenkostüm für einen Umzug am Nachmittag in den Kindergarten, an einem zweiten Ort „brachten” die Kinder Harry Potter als Motiv ins Haus – eine Kindergärtnerin thematisierte dann Kürbisse und „das Gute” aus Harry Potter, eine jüngere Kollegin ließ die Kinder auch Vampire und Fledermäuse ausschneiden, kochte eine „Regenwurm”-Nudelsuppe und malte Spinnen auf Kekse. Die „ja-aber-Ambivalenz” war bei den meisten Befragten fühlbar.

10.32.4. Halloween in Land-Volksschulen (Direktorenbefragung)

Günter Roland, ein pensionierter Volksschuldirektor im Psychologiestudium, war sehr initiativ und führte eine Telefonbefragung von zwölf SchulleiterInnen im ländlichen Grenzgebiet Oberösterreich-Salzburg (Volks- und Hauptschulen) durch, und zwar in Ach, Franking, Haigermoos, Geretsberg, Hochburg, Lamprechtshausen, Ostermiething (zwei), Riedersbach, St. Pantaleon, St. Radegund und Tarsdorf. Günter Roland kennt die Schulleiter noch persönlich aus seiner aktiven Zeit. Die erfassten Schulen haben zusammen etwa 1 100 Schüler; die Gemeinden zusammen etwa 17 000 Einwohner.

Alle Befragten meinten, dass sowohl sie als auch die SchülerInnen den Begriff Halloween kennen, meist etwa seit drei bis fünf Jahren. Von Schule zu Schule wurde von SchülerInnen verschieden viel zum Thema im Unterricht erzählt, unter anderem über Kostümierung, „Süßes oder Saures”, Partys, Umzüge oder dass der Brauch in einem Ort existiert, in einem anderen aber nicht. In elf der zwölf Schulen wurde berichtet, dass Volksschulkinder unter „Süßes oder Saures” Süßigkeiten sammeln gehen, nur in einer war das je nach Ortschaften verschieden. Einmal war auch von „geisternden” Kindergartenkindern die Rede, eine Gruppe besuchte sogar den Schuldirektor. In der einzigen Hauptschule der Stichprobe berichteten Kinder der 1. Klasse von „trick or treat”. Nur in der Hälfte der Schulen brachten Kinder auch Halloween-Sachen mit, wobei zweimal negativ reagiert, einmal sogar etwas weggenommen wurde. Neun der zwölf SchulleiterInnen wussten, dass die Kinder Halloween-Partys feiern, zwei davon sprachen von privat von Müttern organisierten Feiern, einer von einer Klassenparty mit einer jungen Lehrerin.

Interessant auch die Frage, wie die Schule auf Halloween reagiert: Fünfmal hieß es „nein”, einmal sehr rigoros – „Halloween und Weihnachtsmann kommen mir nicht bei der Schultür herein”. Das war auch die Schule, in der ein Halloween-Artikel konfisziert wurde. Die übrigen Reaktionen waren: Klassendekoration, Kürbisse ausgehöhlt, Werkunterrichtsthema „Fledermaus”, Kürbis aufgestellt und Kürbissuppe gekocht, im Englischunterricht besprochen (zweimal, wobei einmal mit kleinem Fest), Kürbislaternen auf Tonpapier geklebt und Kinder bekommen Halloween-Süßigkeiten einer Handelskette. Auf die Frage nach Elternmeinungen zu Halloween meinten die Befragten: einmal „dafür, gestalten Parties”, einmal „trauen sich nichts dagegen zu sagen, geben nach”, viermal „kein Thema/keine Ahnung”, viermal ambivalent (katholische bzw. ältere Eltern dagegen, jüngere dafür), einmal „dagegen, nichts Bodenständiges”. Die vorsichtige Reaktion der Schulen hat also konkrete Gründe.

Gefragt wurde auch nach der Einstellung der Religionslehrer: Hier wurde von acht ablehnenden Reaktionen berichtet, einmal von Ambivalenz, einmal von „vorsichtig neutral”. Zwei der Schulleiter konnten keine Antwort geben. Günter Roland kommentiert, dass jüngere Arbeiterfrauen eher positiv eingestellt seien, während Bäuerinnen, ältere und stark religiöse Mütter Ablehnung zeigten. In einem Ort wurde sogar vor Halloween ein „Gegenfest” veranstaltet. Jüngere LehrerInnen, die mehrheitlich den EDUHI, den Education Highway der oberösterreichischen Schulen im Internet, zum Thema nutzen, wollen den Kindern eine Freude machen und gehen meist auf Halloween ein. Die „Kulturfront” verläuft nach Meinung von Günter Roland zwischen Landesschulrat, jüngeren Lehrkräften und Müttern einerseits und älteren, aus religiösen Gründen ablehnend Reagierenden andererseits. Bei letzteren schwingt auch Anti-Amerikanismus mit.

10.32.5. Halloween in Volksschulaufsätzen auf dem Land (Inhaltsanalyse)

Um auch die Schülerperspektive zu erforschen, ließen auf Initiative von Günter Roland drei Klassenlehrer der 2., 3. und 4. Volksschulklasse in Tarsdorf, Oberösterreich, ihre Kinder Halloween-Aufsätze schreiben, die dem Autor zugänglich gemacht wurden. Für die Inhaltsanalyse lagen acht Zweit-, 16 Dritt- und 15 Viertklässler-Aufsätze vor. Die etwa sieben Jahre alten Zweitklässler zeichnen zweimal Menschen vor Häusern, einmal eine Gruppe von Kindern mit Säcken und einmal ein verkleidetes Kind mit Maske. In kurzen Aufsätzen schildern fünf Kinder, wie sie selbst um „Süßes oder Saures” unterwegs waren, zwei berichten von einem Musikvorspielabend, ein Kind vom Besuch anderer „Trickster” an der eigenen Tür. Zwei Textproben: „Ich bin mit meinem nachber Halloween gegangen. Wir haben einen Korb fol ßüses gegrigt [sic]. Meine freundin Katrin ist mit mir Halloween gegangen und meine Tante auch.” „Ich bin Halloween gegangen. Wir haben 3 € bekommen und sie aufgeteilt. Dann sind wir zu Haus und Haus gegangen. Dann haben wir bei uns die Süßigkeiten aufgeteilt. Und die Leute waren ser net [sic].” Drei Kinder erwähnen Erwachsene, die bei „trick or treat” mitgegangen sind.

Als Dekoration zu den 16 Aufsätzen der dritten Klasse (etwa acht Jahre) finden sich fünfzehnmal bunte Bilder, welche Kürbisse (13), Geister (8), Hexen (4), Spinnen (2), sowie einen Totenschädel und eine Gruppe im Dunkeln zeigen. Die etwas längeren Aufsätze beschreiben eigene Aktionen bei „Süßes oder Saures” (7), den erlebten Besuch anderer Kinder zu Hause (4) – wobei ein Kind beides erlebte -, oder allgemein „was man Halloween machen kann” (6). Zwei Textbeispiele: „Carolin und ich waren im Wohnzimmer und sahen fern. Da klingelte es unten. Mama machte auf und das waren die Halloweenkinder. Mama ging wieder rauf und sagte: ‚Schau, wer da ist!' und wir gingen neugierig runter und Oma gab ihnen ein paar Maoam und dann gingen sie wieder.” „Ich war am Donnerstag mit meinen Freunden und Freundinnen unterwegs. Bei jedem Haus haben wir Süßigkeiten bekommen. Da haben wir eine Fledermaus gehabt auf einem Stecken. Wir haben einen Luftspray gehabt. Wir sind dann irgendwo zusammen gekommen. Da haben wir Süßigkeiten aufgeteilt. Mein Papa kam um 8 Uhr und fuhr alle Kinder nachhause. Es war eine schöne Nacht.”

Die etwa neun Jahre alten Viertklässler schildern noch ausführlicher und zeichnen fast gar nichts (instruktionsbedingt oder weil „uncool”). Die Mehrzahl, nämlich acht Kinder, berichten von „Süßes oder Saures”, ein Aufsatz erwähnt nur Kracherschießen. Drei schildern eine Halloween-Party mit anderen Kindern, zwei schreiben allgemein, was man tun kann und je ein Kind gibt den Besuch anderer „Trickster” wieder bzw. erzählt eine selbst erfundene Gruselgeschichte. In zwei der Aufsätzen tritt unvermittelt das Thema Tod auf: Einmal finden die Kinder auf Süßigkeitstour im Dunkeln eine tote Schlange auf einem Stamm, einmal fällt dem Kind nach Halloween beim Grabbesuch am 1. November auf, dass die Uroma am 31. Oktober Geburtstag hatte. Zwei Textproben: „Wir fingen an bei meiner Nachbarschaft, es war finster, gottseidank hatte ich eine Taschenlampe dabei. Ich ging voraus, als wir bei einer Dame angelangt sind, hörten wir schnelle Schritte, wir wussten nicht, was das war. Nach 10 Sekunden standen wir auf, es war Thomas. Wir sind zu sechst weiter gegangen.” „Um 17.45 gingen wir mit Markus, Bastian und Manuel geistern. Bastian verkleidete sich als Alien, Manuel als RIP, Philipps und ich hingegen als Scream und Markus wollte sich nicht maskieren. Denn er ist schon 15 Jahre alt.”

Hauptthemen aller 39 Kinderaufsätze waren das lustige Erheischen und Einsammeln von Süßigkeiten, das Verkleiden, Erschrecken und Erschreckt-Werden. Warum das geschieht, wird nicht kommentiert oder hinterfragt. Insgesamt passt das Tarsdorfer Geschehen von allen seinen Zutaten her zum Kinderfasching, mit dem (siehe oben) ein 15-Jähriger nur unverkleidet etwas zu tun haben wollte. Die harmlose Schilderung des Themas Tod in zwei Aufsätzen belegt, dass bei diesen Kindern Halloween als Nacht der Toten keine besondere Rolle spielt. Es ist vielmehr „eine Gaudi”, wie Silvester oder Fasching. Einmal ist auch davon die Rede, dass Eltern „trick or treat” verboten haben, worauf die Kinder mit Taschenlampen und Musik Party feierten.

10.32.6. Halloween bei Stadt- und Landjugend (Fragebogenauswertung)

Andrea Wimmer stellte einen Fragebogen für Stadt- und Landjugendliche zusammen und erhielt 28 Rückmeldungen, davon 16 aus der Stadt und 12 vom Land. Da Andrea Wimmer am Land 12 Mädchen befragte, in der Stadt aber 12 Mädchen und vier Burschen, wird hier sinnvollerweise nur der 12:12-Vergleich referiert. Sechs Mädchen vom Land waren aus der Altersgruppe 11–12 Jahre, sechs zwischen 17 und 18 Jahre alt. In der Stadt stammten alle Mädchen aus der Gruppe der 17- bis 18-Jährigen.

Auf die Auswahlfrage mit möglichen Mehrfachnennungen, woher sie Halloween kennen, antworteten die Mädchen wie folgt:

Tabelle 10.8.

QuelleLandStadt
TV, Radio68
Zeitschriften56
Veranstaltungswerbung55
Mitmenschen87
Geschäfte35
Sonstiges44


Je sieben Jugendliche in Stadt und Land gaben Mehrfachnennungen. Die Quellen für das Halloween-Wissen sind also vielfältig und eher diffus. Elf der zwölf Mädchen vom Land verbinden Halloween mit Kelten/Irland/USA, alle wissen etwas über den Brauch. In der Stadt orten zehn der zwölf Mädchen Halloween in Kelten/Irland/USA und eines in Schottland. Auch hier wissen alle etwas über den Brauch zu schreiben. Nach der eigenen Meinung gefragt, sieht das Ergebnis so aus:

Tabelle 10.9.

MeinungLandStadt
positiv („cool“)70
ambivalent (ja, aber)14
negativ („nur US-Brauch“)47
keine Meinung01


In der kleinen Stichprobe am Land fanden sich mehr Befürworterinnen für Halloween als in der Stadt, interessanterweise stammen sechs der sieben Befürworterinnen aus der Altersgruppe 11–12 Jahre. Ablehnende Meinungen (der Älteren) wurden meist mit „Amerikanisierung” und Kommerz begründet.

Gefragt nach eigenen Aktivitäten am Halloween-Abend berichteten sechs Mädchen vom Land (und zwar alle 11- bis 12-Jährigen) vom Süßigkeiten-Sammeln und sechs von nicht halloween-spezifischem (Kino, Lokal). Völlig anders in der Stadt: Elf Mädchen waren zwar mehrheitlich unterwegs (Lokale, Party), aber ohne Halloween-Bezug, nur eines schrieb von einer Halloween-Party.

Verkleidet haben sich alle sechs „Tricksterinnen” vom Land, fünf davon kauften auch spezifische Halloween-Produkte. Die älteren Mädchen verkleideten sich nicht und kauften auch nichts. In der Stadt verkleidete sich nur die eine 18-Jährige, die an einer Halloween-Party teilnahm, kaufte aber keine Halloween-Produkte. Alle anderen Städterinnen lebten verkleidungs- und konsumabstinent.

Die kleine Umfrage von Andrea Wimmer zeigt bereits einen Trend auf – Halloween als „Fasching der Präpubertären”, der von Älteren naserümpfend und mit Erwachsenenargumenten bewaffnet abgelehnt wird. Auch in den Aufsätzen aus Tarsdorf kam vor, dass sich ein 15-Jähriger nicht mehr verkleiden wollte. Da der neue Heischebrauch „Süßes oder Saures” erst einige Jahre alt ist, wird es interessant sein festzustellen, ob die Kinder/Jugendlichen, die Halloween jetzt „cool” finden und mittun, mit 15–18 Jahren dieselbe Distanzierung zum Brauch zeigen wie die bereits jetzt „zu Alten”.

10.32.7. Halloween in der städtischen „Szene” (teilnehmende Beobachtung)

Jasmina Skenderovic verkleidete sich am Abend des 31. Oktober 2002 als Teufelin und begann, derart halloween-konform getarnt, mit ihrer Kamera einen Rundgang durch Salzburger „Szene”-Lokale. Die teilnehmende Beobachtung begann im Lokal „Steinlechner”, das eine Halloween- Party angekündigt hatte. Die Dekoration aus Krähen, Kürbissen, schwarzer Katze und Spinnweben war aufwändig, das Personal präsentierte „sich als blutsaugende Vampire oder als bleiche Gestalten, die durch eine Glasscheibe im Kopf oder durch einen Schnitt am Hals verletzt waren.”

Jasmina Skenderovic schätzte die Zahl kostümierter Besucher im vollen Lokal auf etwa 20 Prozent: „Vampire, Hexen, Hexer, Mumien, Teufel(in), Tod, Kürbisse ... Spiderman, Engel, ein Mitglied der Enterprise, Afrikaner, Entflohene aus der Flower Power Zeit, Punks”. Vielleicht hatte sich nicht jeder extra verkleidet. „Alle waren bester Laune und ließen sich die Party durch die Halloween-Abgeneigten nicht durcheinander bringen. Die Gesichter der Untoleranten [sic] waren meist leicht zu erkennen, da sie angewidert den Blick wendeten oder sich lustig machten.” Jasmina Skenderovic schätzte die Kostümierten auf älter als 25, „nach oben hin offen”. Personen, mit denen sie ins Gespräch kam, wussten nichts Näheres über den Brauch Halloween, meinten, es wäre Kommerz, aber „eine neue Party-Idee und als einen weiteren Tag zum Abfeiern und lustig sein.” Gastronomisch gab es für Kostümierte ein Glas Sekt gratis, aber keine speziellen Kreationen.

Nach dem Lokalwechsel zu „Fürberger's” [sic] fühlte sich die Beobachterin gleich viel schlechter. Das Lokal hatte keine Halloween-Party angekündigt, aber mit Hexe auf Besen und Kürbissen dekoriert. Das Personal war unkostümiert, „im Gegensatz zum ‚Steinlechner' gab es viel weniger Maskierte und die Unmaskierten schienen auch mehr Abneigung und Verachtung zu empfinden.” Jasmina Sklenderovic sah noch ein gelbes Sekt-Werbeplakat „Yelloween”, dann wechselte sie das Lokal.

Das dritte und letzte Lokal „Jexx” „hatte gleich an der Tür eine kleine Überraschung zu bieten – man konnte zum Selekteur (Türsteher) sagen: ‚Trick or Sweets' [sic] – und man erhielt Süßigkeiten.” Von außen war nur eine Ankündigungstafel „Halloween-Nacht” zu sehen. Drinnen sah es mit Totenlichtern, Kürbisgirlanden, Blinkkürbissen und kostümiertem Personal „schon wesentlich gruseliger” aus. Der Discjockey spielte Grusel-Musik, das Publikum war jünger als in den Lokalen vorher, doch meinte die Beobachterin, dass sich im Schnitt mehr Leute über 25 verkleidet hatten als darunter. Scheele Blicke gab es hier nicht. Bei Gesprächen mit Gästen überwog, wie im „Steinlechner”, die Kommerzansicht über Halloween. Eine Frau meinte: „Es ist besser als Faschingsdienstag – der ist auch lustig, aber am Mittwoch müssen wir alle arbeiten und dann kann man nicht so feiern wie heute – morgen ist ja frei! Das wird zu meiner Lieblingsfeier!”

Drei Lokale können nur einen ersten Eindruck liefern. Immerhin sind aber einige Befunde von Jasmina Skenderovic unerwartet deutlich: Die kommerztolerante „Abfeier”- Mentalität mit „Fun”-Orientierung, die Spannungen zwischen „Halloweenis” und „Anti-Halloweenis”, die thematisch weit streuenden Masken.

10.32.8. Halloween-Party in der Stadtwohnung (teilnehmende Beobachtung)

Clara Havas berichtete über zwei private Halloween-Kinderpartys in Salzburg. Hier ihre Notizen: „Stefanie (14 Jahre): Halloween-Party mit Freundinnen an Allerheiligen. Alle verkleidet: Hexen, Kürbis, Vampir, Grufti ... Spiele: Gläser rücken, Flaschendrehen, Geisterbeschwörung ... Party fand im Keller statt, Dekoration: Kerzen. Halloween hat keine Bedeutung für die Mädchen, außer, dass es einen guten Grund für eine Party bietet. Eva (21 Jahre): Halloween-Party, die Hälfte der Gäste war verkleidet. Bisschen Dekoration: Kürbis und Kerzen. Kein besonderes Halloween-Programm.” Auch hier war „Partytime” der einzige Grund. Auf der computergesetzten Einladung zur ersten Party, die uns vorliegt, ist von ca. 18 Uhr bis 23 Uhr die Rede, neben dem bereits Beschriebenen wird auch Tarot Kartenlegen und Kostümpflicht erwähnt.

Miriam Vierhauser begab sich auf eine private Halloween-StudentInnenparty in Salzburg und machte dort zahlreiche Fotos. Aus ihren Notizen: „23 Personen waren anwesend (3 Zimmer-Wohnung mit ca. 60 m²), davon waren vier nicht verkleidet. Später haben sich viele umgezogen.” An Dekoration hatte die knappe Partyfläche viel zu bieten: Spinnweben schwarz oder weiß, Geister/Skelett-Girlanden, Happy Halloween- Transparente, Faschingsschlangen mit Halloween-Motiven, ein geschnitzter Kürbis, Schwarz- und Grünlicht. Von den 23 Personen blieben 14 auf dieser Party, sechs fuhren in die Disco „Nachtschicht” und drei kamen wieder zurück, sechs Leute kamen erst später, wovon drei vorher in der „Cuba Bar” und bei „Armando's” waren. Der jüngste Gast war 14, der älteste 41 Jahre alt. „Gegen 20.30 Uhr läutete eine Gruppe von vier Kindern” zum Zuckerlsammeln. Miriam Vierhauser hatte den Eindruck, dass Veranstalter und Geladene viel Spaß hatten, denn die Deko sollte aufgehoben werden und man plante für 2003 wieder etwas. Diese Party gibt es schon seit zwei oder drei Jahren.

10.32.9. Halloween-Party im Studentenheim (teilnehmende Beobachtung)

Angelika Kerschhuber besuchte eine private Halloweenparty am 30. Oktober 2002 in einem Salzburger Studentenheim. Sie notierte: „Gäste: 34 Studenten im Alter zwischen 19 und 32, davon waren 11 Partygäste ‚halloween-gemäß' verkleidet; 3 Personen erschienen in einem T-Shirt mit der Aufschrift ‚Hello Wien!' Auf der Rückseite sah man eine Zeichentrickfigur, die dem Stephansdom zuwinkt. Mit diesen T-Shirts wollten die Personen ein Zeichen gegen die Amerikanisierung unserer Bräuche setzen, trotzdem feierten sie im Laufe des Abends mit den anderen Partygästen uneingeschränkt mit (...) Dekoration: Die Dekoration wurde zum Teil von eifrigen Veranstaltern selber gebastelt (Totenköpfe, Hexenkreuze), trotzdem benötigte man auch Girlanden, diverse Halloween Kerzen, Hexen-Luftballons und ähnliches (Libro, ca. 30 Euro). Außerdem wurden einige Kürbisse ausgehöhlt und deren gruseliges Antlitz mit einer Kerze beleuchtet (Kürbisland, ca. 20 Euro). (...) komme ich zu dem Schluss, dass Halloween uns Studenten einfach die Gelegenheit gibt, ein lustiges und ausgelassenes Fest zu feiern. Von einem Brauch oder gar von Tradition war kaum die Rede; anfangs gab es ein paar kritische Kommentare (...), wobei jedoch im Laufe des Abends klar wurde, (...) dass es nur um Spaß geht. Meiner Meinung nach war diese Party eine etwas vorverlegte Faschingsparty.- Nur vielleicht etwas gruseliger.”

10.32.10. Halloween-Party auf dem Land (teilnehmende Beobachtung)

Angelika Kerschhuber nahm am Freitag, dem 1. November 2002, an einer Halloween- Feier im Pub „Hollywood” in Gallspach, Oberösterreich (ca. 3.000 Einwohner) teil. Sie notierte dazu: „Gäste: Überwiegend Erwachsene, ca. zwischen 20–40. Im Laufe des Abends besuchten etwa 50–60 Leute das Pub (nach Schätzung des Lokalbesitzers), wobei der Großteil der Halloweenfeiernden Stammgäste waren. Halloween-Specials: Spezielle Getränke – BLUTPLASMA (Long Drink), HEXENBLUT (schwarzer Wodka mit ‚Hexenblut'-Limo von Dreh&Drink [sic, Dreh&Trink], Revival der legendären BLOODY MARY. Spezielle Speisen: Kürbiscremesuppe, Maiskolben mit Butter, Chili con Carne [Halloween grüßt Mexico, d.Verf.].

Dekoration: Auf den Tischen standen Dreh&Drink [Dreh&Trink] und Gummimonster von Haribo zur freien Entnahme. Es wurden ausschließlich Halloween-Servietten, z.T. auch Halloweenbecher und Pappteller benutzt. Die Dekoration des Lokals war natürlich in orange-schwarz gehalten und bestand großteils aus gekauften Dekorationsartikeln: künstliche Spinnenweben, Girlanden in Form von Geister[n], Hexen, Fledermäuse[n] und Kürbisse[n], als Tischbeleuchtung wurden Grablichter benutzt. Dies allerdings wurde von den meisten Gästen als sehr unpassend bis zu makaber beurteilt, da das Halloween-Fest am ersten November, also Allerheiligen, war. Verkleidung: Die zwei Kellnerinnen waren als ‚Gruftis' mit weiß geschminkten Gesichtern verkleidet und der Lokalbesitzer trug einen Draculaumhang und passendes Styling. Von den Gästen trug eine Dame (ca. 35) einen Hexenhut auf dem Kopf, ansonsten war niemand verkleidet oder geschminkt.

Meiner Meinung nach kam den ganzen Abend – trotz der vielen Bemühungen und Dekorationen – keine Halloween-Stimmung auf, wobei vielleicht auch das unglücklich gewählte Datum (Allerheiligen) Einfluss ... hatte. [Von den Gästen] habe ich erfahren, dass Halloween eher weniger bis gar nicht der Grund für ihren Besuch des Lokals war. Die meisten Personen – vorwiegend Stammgäste – haben angegeben, dass sie ohnedies an diesem Abend ausgegangen wären. Es zeigte sich .. sogar ein gewisser Unmut .., hier einige Aussagen: ‚Man kann schon wochenlang vorher in kein Geschäft mehr gehen, ohne nicht mit Halloweenzeugs bombardiert zu werden.' ‚In dieser Zeit ist mir eigentlich gar nicht zum Feiern zu Mute.' ‚Letzte Woche war ich mit meinen Söhnen im Papierwarengeschäft, um Draculakostüme zu kaufen – [der Preis] ist echt unverschämt.' ‚Halloween ist einfach kein österreichischer Brauch und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass sich das je so einbetten wird in unsere Kultur.' ‚Für die Kinder ist Halloween eine super Feier – wir haben zu Hause eine richtige kleine Party veranstaltet und es hat ihnen sehr viel Spaß gemacht. Ich persönlich (w, 33 Jahre) finde, dass ich für so etwas schon zu alt bin.'”

10.32.11. Halloween in den Printmedien (Übersicht)

Neben einigen Beiträgen, welche die ÜbungsteilnehmerInnen mitbrachten, wurden am 31. Oktober 2002 vom Autor per Internet alle zugänglichen Zeitungs-Homepages in Österreich besucht. Dabei ergab sich folgendes Bild: „Zeitung”: Beitrag, Kurzinhalt.

Kronenzeitung”: Kürbis-Seite „Die Nacht der Geister und Kürbisse” mit Icons „Spiele”, „Screensaver”, „E- Grüße”, „Wallpaper”, „Geschichte”, „Rezepte” und „Shop”.

„Kurier”: „101 Ideen zu Halloween” mit Kurzdarstellung, Kürbis-Rezept-Tipp im Internet und sechs Internet-Homepages. „Halloween verdrängt Allerheiligen” – Reportage, Wirtschaftskammer erwartet 3,5 Millionen Euro Umsatz in Wien, 14 Millionen Euro in ganz Österreich (ohne Gastronomie). Untertitel: „US-Brauch”, „Gruselgeschäft”, „Gefahrenquelle im Verkehr” (ARBÖ-Verhaltenstipps). „Halloween: Schüsse statt Bonbons” – APA-Meldung über norddeutschen Pensionisten, der auf Jugendliche mit dem Luftdruckgewehr schoss.

„Kleine Zeitung überregional”: „Halloween – die Nacht der verirrten Seelen” – Kelten, USA, „trick or treat”. „Halloween – ohne Kürbis geht es nicht” – Kürbisbastelanleitung, Kommentar vom Institut für Volkskunde der Universität Graz. „Die Legenden um Halloween” – Untertitel: Wurzeln, Geister, Kürbisse, Namen. Leser-Umfrage: „Was halten Sie von Halloween” mit 18 Einsendungen.

„Kleine Zeitung Steiermark” (Freizeit): Drei Halloween-Parties in Graz für Erwachsene, ein Kinderfest. Acht Partys in Gratweit, Niklasdorf, Judenburg (2), Weiz (2), Gleisdorf, Neuberg a. d. Mürz. In Judenburg und Gleisdorf gibt es Umzüge im Stadtzentrum.

„Kleine Zeitung Kärnten” (Freizeit): Fünf Halloween-Parties in Klagenfurt für Erwachsene, Kürbisschmankerl-Markt und Kinderfreunde-Party für Kinder und Erwachsene. Drei Partys in Villach, weitere in Griffen, Nötsch, Arnoldstein und Straßburg.

„Oberösterreichische Nachrichten”: Kommentar: „Konkurrenz” mit kurzer Halloween-Information und Kritik, weil das „schreckliche” Treiben mit dem evangelischen Reformationstag kollidiert.

„Vorarlberger Nachrichten”: „Neutrale” Meldung: „Kürbisschnitzen statt Halloween” – gegen „importierte Pseudobräuche”, für bodenständiges Brauchtum. „Faules Obst und Eier an den Hausfassaden jener, die ausgeflippten ‚Brauchtumspflegern' für ihr Halloween- Spektakel kein Geld zahlen wollten, ließen in Wolfurt das Fass überlaufen” usw. Kommentar: „Grauen bis ins Kinderzimmer” mit Kurzinformation und anschließender Verurteilung. Kommentar: „Gedanken zu Allerheiligen” von einem Landpfarrer. Stichworte: Unfähig zur Freude und unfähig zur Trauer, Ausbeutung, Verrohung, Sinnlosigkeit.

„Der Standard”: Reportage: „Das Grauen ist nicht aufzuhalten” vom 29. Oktober – Interpretation von Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen, Wien, zu Halloween. Meldung: „Vatikan kritisiert Halloween-Manie” vom 30. Oktober – Statements aus Süditalien und Udine, Kritik am Halloween-Konsum. Leserumfrage: „Halloween versus Allerheiligen”, Stand 31. Oktober, Mehrfachnennungen (Stimmen): Ich feiere kein Halloween – weil ich gar nicht weiß was ich da feiern soll (228). Mir ist das egal – ich „feiere” weder Halloween noch Allerheiligen (228). Halloween ist gut für die Wirtschaft (199). Allerheiligen kenn ich schon seit meiner Kindheit – Blumen am Friedhof bringen und Striezel essen … das hat in unseren Breitengraden Tradition (165). Halloween ist vor allem für Kinder ein Spaß – Kerzen in Kürbisgesichter stellen und sich verkleiden (163). Ich gehe am 31. Oktober zu einer Halloween-Party und bringe am 1. November Blumen auf den Friedhof (75). Ich weiß überhaupt nicht warum ich zu Allerheiligen auf den Friedhof gehen soll? (73). Bei 680 angegebenen Stimmen überwog bei den „Standard”-Surfern Skepsis und Ambivalenz.

„Salzburger Nachrichten”, Printausgabe: Aufmachermeldung Seite 1: „Gruselnacht” mit verkleidetem Kind, im Lokalteil Meldung: „Schauriger Luftzug von Halloween” mit Bildern Mädchen und Kürbis, verkleidete Mädchen, einigen Interviews und Verwunderung einer Amerikanerin über den „Kommerz” in Europa.

Die Suchmaschine „google” lieferte am 17. Oktober unter dem Stichwort „Halloween” 3 120 000 Treffer, also eine nicht mehr überschaubare Anzahl. Es gibt große Homepages (www.halloween-online.com; www.everythinghalloween.com [Anm.: Zum Zeitpunkt der Publikation nicht mehr online.]), unter www.geisterparty.com [Anm.: Zum Zeitpunkt der Publikation nicht mehr online.] allerdings keine Einträge für Österreich. Ein „Partykalender 2002” verzeichnet ganze neun Events aus Österreich, darunter drei aus Wien. Die Internetpräsenz erscheint noch ausbaufähig.

10.32.12. Halloween als Marketingthema (Übersicht)

Werbung: Ohne die Intention einer systematischen Materialsammlung wurde vom Autor alles gesammelt, was an Werbung auffiel. Die intensivste Kampagne fuhr „BILLA”, die „kleinen Geistern” versprach: „Verkleidet gibt's was geschenkt”, nämlich eine Milchschokolade am 31. Oktober. Dazu wurden Food- und Non Food-Halloween-Produkte beworben. Ähnliche Meldungen im Raum Salzburg produzierten „Maximarkt”, „Toys'?'Us”, „Kika” und „Edeka”. Speziell auf die Zielgruppe Kinder abgestellte Produkte, die uns auffielen, waren neben Verkleidungen und Scherzartikeln ein Aufkleberheft, ein Halloween-Spiel- und Bastelbuch, Halloween „Danoninos” auf „Fruchtzwerge-Drinks”, verschiedene Halloween-Partyservietten, Partyteller, Stempel und bei den Süßwaren „Terror Tots” und eine „Jack o'Lantern”-Schokofigur. Die Halloween-Kampagne bei „McDonald's” gab sich minimalistisch mit Grusel-Chips, Plakaten und einer Kürbis-„Happy Meal”-Tüte.

Werbung: Ohne die Intention einer systematischen Materialsammlung wurde vom Autor alles gesammelt, was an Werbung auffiel. Die intensivste Kampagne fuhr „BILLA”, die „kleinen Geistern” versprach: „Verkleidet gibt's was geschenkt”, nämlich eine Milchschokolade am 31. Oktober. Dazu wurden Food- und Non Food-Halloween-Produkte beworben. Ähnliche Meldungen im Raum Salzburg produzierten „Maximarkt”, „Toys'?'Us”, „Kika” und „Edeka”. Speziell auf die Zielgruppe Kinder abgestellte Produkte, die uns auffielen, waren neben Verkleidungen und Scherzartikeln ein Aufkleberheft, ein Halloween-Spiel- und Bastelbuch, Halloween „Danoninos” auf „Fruchtzwerge-Drinks”, verschiedene Halloween-Partyservietten, Partyteller, Stempel und bei den Süßwaren „Terror Tots” und eine „Jack o'Lantern”-Schokofigur. Die Halloween-Kampagne bei „McDonald's” gab sich minimalistisch mit Grusel-Chips, Plakaten und einer Kürbis-„Happy Meal”-Tüte.

Den Europark, Salzburgs bekanntestes Einkaufszentrum am Stadtrand, besuchten Marlene Kranawetvogel und Zeliha Özlü. Sie fanden unter den etwa 50 Shops nur sieben halloween-dekorierte – ein Papiergeschäft mit Masken und Scherzartikeln, ein Spielzeuggeschäft, die Auslage eines Textilmodenhandels, eine Themenabteilung im Lebensmittelmarkt, McDonald's (siehe oben), Kürbisse und Deko im Blumengeschäft und eine Kinderecke bei einem weiteren Modehaus. Auch hier wirkte das Angebot also betont kinderorientiert.

Der Autor war am 25. Oktober 2002 entlang der Haupteinkaufsstraßen von Linz und Urfahr mit der Kamera unterwegs. In Linz-Urfahr, Hauptstraße, waren 19 Geschäfte dekoriert, davon 11 halloween-spezifisch, sechs mit Kürbissen ohne Halloween-Bezug, zwei hatten nichts in der Auslage, aber dahinter sichtbar Halloween-Ware im Inneren. In Linz, Landstraße, waren 12 Geschäfte dekoriert, davon acht halloween-spezifisch, drei nur mit Kürbissen und eines mit Ware im Inneren. Das ergibt zusammen 31 dekorierte Geschäfte, 10 halloween-spezifisch, also 32 % oder etwa ein Drittel. Geradezu exzessiv wirkte die Halloween-Auslage eines Spielwarengeschäftes in der Landstraße mit ihrem Gruselmasken-Kabinett. Beim Besuch im Oberstock des Geschäftes wurde hektisches Aussuchen und Anprobieren sichtbar – der Geschäftsgang durch Kinderpartys schien zufriedenstellend. Eine lustige Halloween-Auslage mit kleinen Hexen, Katzen und Geistern hatte ein Süßwarengeschäft gestaltet. In Urfahr schließlich schwebten Geister und Spinnweben sogar in der Auslage eines Babymodengeschäftes. Den Vogel abgeschossen hat nach Meinung des Autors ein Großdiskonter in Linz, über dessen Süßwarendisplay nahe der Kassa ein „Luftkampf” tobte, bei dem sich ein Halloween-Geist und „Super-Santa” in Superman-Pose begegneten.

10.32.13. Resümee und Synthese

Dieser Rundgang durch Halloween 2002 in Salzburg und Oberösterreich ergänzt die Überlegungen der Volkskundler im Halbjahresband 2001 und zeigt, dass vom „Untergang des Abendlandes”, wie schon bei manchen Reaktionen auf den Jungmagier Harry Potter, nicht die Rede sein kann. Halloween in Österreich-Mitte hat seinen Schwerpunkt in faschingsartigen Kinderumzügen, Kinderfesten und Heischebräuchen, deren womöglich tiefere Bedeutung mehr die Gegner als die Betroffenen plagt. Einflüsse von Medien und Wirtschaft fließen automatisch mit ein wie auch zu Ostern, am Muttertag oder im Advent. Eine symbolische Konfrontation mit dem Tod ist bei den 6- bis 12-jährigen AkteurInnen nicht zu bemerken. Entscheidendes dürfte der „Herbst- Faschingsabend mit folgendem Feiertag” auch zur Distinktion und zur säkularisierten Identitätssuche der adoleszenten bis erwachsenen Party- und Lokalgeher nicht beitragen.

Lassen wir alle Aussagen noch einmal Revue passieren, erweist sich Gottfried Korffs Warnung vor einer Überinterpretation von Halloween[4021] als inhaltlich sehr sinnvoll. Theologen wie Journalisten sollten bedenken, dass nicht überall der Teufel d'rinsteckt, wo Teufel d'raufsteht. Gottfried Korffs Aussage, dass Halloween „viel zuläßt”, kann als Stärke und Flexibilität, aber auch als Verwaschenheit und Beliebigkeit des Erlebens und Handelns interpretiert werden. Ein Bezug von Halloween zu älterem lokalen Brauchtum wie Seelwecken oder Allerheiligenstritzl sollte aber von der Volkskunde nicht von vornherein ausgeschlossen werden. So berichtet Ernst Burgstaller[4022] aus Teilen des nördlichen Niederösterreich über ein spezifisches Unruhbrauchtum der Burschen „in der Nacht zum 1. November”, wobei Sachen vertragen, harmlose Streiche gespielt und Mädchen Strohstriezel auf die Hausdächer geworfen oder Häcksel vor die Haustüren gestreut werden.

Wie in den Linzer Auslagen deutlich wurde, tritt die Halloween überlagernde „Kürbiswelle” noch jenseits dieser Inhalte auf – in einem Reisebüro standen Zierkürbis und Pharaonenbüste einträchtig nebeneinander. Halloween, wie es sich im vorliegenden Material darstellt, ist Synkretismus, Medley, Hybrid, crossover, Synthese und gleichzeitig Parodie auf sich selbst („Hello Wien”), also ein typisches Produkt des neuen Fin de Siècle an der Jahrtausendwende. Und es bleibt wahrscheinlich nicht der einzige „Neo-Retro-Brauch”, der den Europäischen Ethnologen Rätsel aufgeben wird.

Verwendete Literatur:

[Burgstaller 1968] Burgstaller, Ernst: Burschenschaftsbrauchtum – termingebundene Unruhnächte. In: Kommission für den Volkskundeatlas in Österreich (Hg.): Österreichischer Volkskundeatlas. Wien [u. a.] 1968/73, Kommentar, Lfg. 3 (1968) Bl. 46.

[KorffG 2001] Korff, Gottfried: Halloween in Europa. Stichworte zu einer Umfrage. In: Zeitschrift für Volkskunde 97 (2001), S. 177–189.

[Tschofen 2001b] Tschofen, Bernhard: Halloween in Österreich. Ein Brauch zum Andocken oder: globales Wissen schafft lokale Formen. In: Zeitschrift für Volkskunde 97 (2001), S. 254–260.



[4016] US-Literaturverzeichnis mit neun Arbeiten beim Autor erhältlich.

[4021] [KorffG 2001], S. 177–189.

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