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Vom Gewand nach Stand zur Salzburger Tracht (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)[5162]

Vom Einheitskleid zur Standeskleidung

Bis zum frühen Mittelalter war die Kleidung der Männer und Frauen, der Armen und Reichen weitgehend gleich. Nur Farbe und Stoffqualität bzw. der Zustand der Kleidung unterschieden die Stände. Mit dem Aufblühen bürgerlich-städtischen Lebens im Mittelalter differenzierten sich die Stände und mit ihnen die Gebrauchsgegenstände des Alltagslebens. So begann auch eine Differenzierung der Kleidung, die ab dem 16. Jahrhundert immer mehr soziale und regionale Unterschiede hervorbrachte.[5163] Beispiele historischer Salzburger Trachten finden wir auf Grabsteinen, Votivbildern und Veduten oder den Darstellungen der Salzburger Emigranten.[5164]

Gewand und Stand

Für das ausgehende 18. Jahrhundert besitzt Salzburg in der Kuenburg-Sammlung einen Kostümcodex von europäischem Rang. Über 200 aquarellierte Zeichnungen zeigen die hierarchisch geordnete Salzburger Gesellschaft nach Rang und Stand, im gebührenden Gewand.[5165] Von einer Salzburger Tracht war damals keine Rede. Der übliche Ausdruck für die Kleidung war „Gewand“, „Tracht“ wurde nur im Sinne von Standestracht verwendet. Kleiderordnungen gaben Materialien, Schnittformen und Herkunft der Stoffe für die einzelnen Stände vor. So durfte der Bauernstand etwa, nur einheimische Stoffe einfachster Art verwenden. Die einzelnen Stände celebrierten in sich wieder Abstufungen nach Rang, Alter und Bedeutung der Person.

Auch die Lebensstände waren mit Standestrachten bedacht, so daß Ledige, Verheiratete und Verwitwete durch ihre Kleidung zu erkennen waren. Die Tal- und Regionaltrachten waren zwischen der Mitte des 17. Jahrhunderts und dem frühen 19. Jahrhundert vielfältig. Das Gewand war somit eine Personen- und Herkunftsbeschreibung von größter Genauigkeit und sichtbarer Ausdruck der Ständegesellschaft.

Auch jeder Fremde, zumindest im Bereich der unteren beiden Stände, war bereits an seinem Gewand als solcher erkennbar. Klerus und Adel trugen die internationale Tracht ihres Standes, die am stärksten den epochalen modischen Einflüssen ausgesetzt war. Das Bürgertum zeigte deutliche regionale Einflüsse in der Standeskleidung und den männlichen Zunftbürgern war oft noch eine Arbeits- und/oder Festtracht durch die Zunft vorgeschrieben.[5166] Die Kleidung des bäuerlichen Standes, die sich langsamer und durch die vorgegebene geringe Auswahlmöglichkeit innerhalb der Stoffe weniger deutlich an die jeweilige Mode anpasste, erhielt so stets einen altertümlichen Anstrich. Ältere und einfache Schnittformen, Materialien aus heimischer Produktion, Garniturformen und Elemente aus älteren, abgekommenen Modeströmungen, die oft auch überformt worden waren, gaben so der bäuerlichen Kleidung ein deutlich von der städtischen abgehobenes Erscheinungsbild. Eine Tatsache, die später von den Volkskundlern, oft als Beharrung und lange Dauer bezeichnet wurde. Gerne wurde diese Art der Beharrung mit all ihren Elementen als eine dem bäuerlichen Stande innewohnende ursprüngliche Kraft gedeutet. Die völkischen Ideologien, besonders die NS-Zeit, machten daraus die „Überlieferungsträger der nordischen Rasse, des germanischen Mythos“. Umso notwendiger ist es heute, zu bedenken, daß ein Teil dieser Beharrung verordnet war und sich durch die Lebensumstände zwangsläufig ergab. Der Einsatz der regional erreichbaren Grundstoffe und die Bezugnahme auf Klima und Alltagserfordernis waren einerseits von Gesetzen (Kleiderordnungen, Bauordnungen etc.) aufgezwungen und andererseits durch die Knappheit der Mittel und die damit notwendige Sparsamkeit und Zweckorientierung erforderlich. Dazu ist zu bedenken, daß gerade im bäuerlichen Bereich der Hof über alles ging und nur Ausgaben für die Wirtschaft als sinnvoll betrachtet wurden. So kann auf Grund der Umstände, durchaus auch im positiven Sinn, der Bauernstand als der konsumfeindlichste Stand angesehen werden. Auch durch die räumliche und wirtschaftlich bedingte Abgeschlossenheit dieses Standes ergaben sich nur geringfügige Anregungen von außen, es gab also seltener als bei anderen Ständen Anstöße zu Veränderungen. So entwickelte sich auch durch Sozialisation und Inkulturation, durch die Hineinerziehung in den Stand, eine besondere Skepsis gegenüber allem Fremden und Neuen. Daß dennoch das Bedürfnis nach Neuem vorhanden war, zeigt aber die stete, wenn auch langsame, Übernahme von Stilformen anderer Stände oder Kulturen (z. B. der schwarze Halsflor aus der Franzosenzeit) und deren Anpassung an die eigenen Sitten und Normen. Der Wegfall der Ständegesellschaft, die Frühzeit der Industrialisierung mit ihrer Umschichtung im sozialen Bereich und der Fülle neuer Materialien, bedeutete auch das Ende der bäuerlichen Trachten. Es ermöglichte plötzlich auch diesem Stand, aus den vorgegebenen Materialien und Kleiderordnungen auszubrechen.[5167]

Alpencostume und Vereinstrachten

So hatten sich auch in Salzburg im Laufe des 19. Jahrhunderts die Lebensbedingungen und die Gesellschaft gewandelt. Die vorgeschriebene Standeskleidung war mit den Ständen weitgehend verschwunden. Gerade in den unteren Ständen genossen viele die neuen Freiheiten und fürchteten gleichzeitig die dadurch bedingte Unsicherheit in allen Lebensbereichen. Mit dem bürgerlichen Grundgesetz von 1867 wurde ein Überschreiten der früher durch Geburt vorgegebenen Standesschranken möglich, doch bedeuteten die wirtschaftlichen Umschichtungen für viele auch das Absteigen, meist in den neu aufkommenden Arbeiterstand. Viele Bauern waren gezwungen in die Städte abzuwandern, „städtisch“ wurde auch am Land modern, das Warenhaus ersetzte Weber und Dorfschneiderin. Das sogenannte Kronprinzenwerk, ein Lexikon aller Länder der Donaumonarchie unter Kronprinz Rudolf herausgegeben, zeigt für Salzburg, bereits rückblickend, Tracht und Brauch des Bauernstandes auf, mit dem Hinweis, daß das Revolutionsjahr 1848 wesentliche Veränderungen in der Tracht der ländlichen Bevölkerung erbracht hatte. Städtische Mode und „Alpencostume“ gewannen bereits Einfluß.[5168] Großbürgerliche Touristen- und Alpinistenvereine hatten bereits Bergwelt und Volksleben, die für sie so exotische und malerisch anmutende Welt des einfachen Volkes, entdeckt.

In Salzburg begeisterten ab den 1880er-Jahren alpinistische Aufzüge, Phantasietrachten und künstliche Almhütten in den Vereinslokalen und Ballsälen die adelige und großbürgerliche Welt. Diese neue alpinistische Vorliebe löste als „Binnenexotik“ (Konrad Köstlin) die vorhergehenden Modeströmungen des Klassizismus und Historismus und die Begeisterung für alles Außereuropäische ab.[5169]

Den griechischen, mittelalterlichen, chinesischen und exotischen Szenen folgte nun die ebenso fremde Welt der unteren Stände im eigenen Land. Diese romantisch-nostalgische Flucht in fremde Lebenswelten ermöglichte einerseits kurzfristig die Konventionen der eigenen Gesellschaftsschicht zu verlassen.

Andererseits regte es aber auch vielfach die Beschäftigung mit diesen fremden Welten an und führte zu historischem, sozialem und kulturpolitischem Interesse. Wissenschaftliche Arbeiten, wirtschafts- und kulturpolitische Maßnahmen sowie caritative Aktionen waren die Folge. In diesem Umfeld wird nun das Wort „Tracht“, als „Gebirgstracht“, Tracht der Landbevölkerung, der Sennerinnen, etc., abgelöst vom Zusatz des Standes, zum allgemein üblichen Begriff für die bäuerliche Kleidung. Als Erklärung bietet sich an, daß mit Ausnahme einzelner Berufstrachten, dies die einzig noch existierende ständische Kleidung war.

Den adeligen Vereinen folgten um die Jahrhundertwende die „Geselligkeits- und Trachtenerhaltungsvereine“ des kleinen und mittleren Bürgertums, wie auch der Arbeiterschaft.[5170] Viele Abwanderer vom Lande waren unter ihnen, die aus wirtschaftlichen Gründen Heimat und Bauernstand verlassen mußten. Sie litten wohl auch am Kontakt mit der pluralistischen Gesellschaft, in der ihre Verhaltensweisen und Normen nicht allgemein gültig waren. So war ihr Interesse an der „volkstümlichen Welle“ ganz anders geartet. Sie sehnten sich nostalgisch nach dem verlorenen Bauernstolz und wollten in den Vereinen eine heile bäuerliche Welt aufrichten. Daher zeigt die frühe Trachtenvereinsbewegung durchaus auch Züge des Klassenkampfes am Ende der Ständegesellschaft. Zwar bot die neue offene Gesellschaft soziale Aufstiegsmöglichkeiten für jeden, doch konnten sich viele Menschen eine klassenlose Gesellschaft noch nicht vorstellen. Zudem bedeutete der wirtschaftliche und soziale Umbruch der Industriegesellschaft für viele anfänglich einen tatsächlichen oder scheinbaren sozialen Abstieg. Das Schreckensbild der bäuerlichen Gesellschaft war der Arbeiterstand – sich gegen ihn auch äußerlich, durch Kleidung und Verhaltensweisen, abzugrenzen, war Ziel vieler Vereine und Erneuerungsbestrebungen.[5171] So brachten diese Vereine ländliche Idylle in die Vorstädte, richteten das Vereinsleben hierarchisch als „Bauerngmoa“ auf, pflegten und erfanden „alte Bräuche“ und kleideten sich in „Volkstrachten“. Man trug das Wenige zusammen, das in den Dörfern noch zu finden war und deckte den Bedarf aus Modehäusern, die für Touristen und bayerische Vereine erzeugten. (So war 1907 auch in Salzburg ein Verein „D’Schlierseer“ gegründet worden, der „Leben und Treiben des Gebirgsvolkes charakteristisch vor Augen führte“).[5172] Trachtenaufzüge, Bandeltanz und Schuhplatteln erfreuten die „Diandln“ und „Buam“. Bald aber wurde der Ruf nach dem „Echt Salzburgischen“ laut, da sich die Salzburger Vereine sowohl von den touristischen als auch anderen großstädtischen Gebirgstrachtenvereinen und deren „Maskeraden“ unterscheiden und sich als Träger von Tradition postulieren wollten. Sie fanden in Salzburg Unterstützung von offizieller Seite.

Erfindung und Erneuerung

Im Jahre 1910 errichtete der Salzburger Landtag auf Betreiben des Trachtenvereines „Alpinia“ und des Vereines für „Heimatschutz und Denkmalpflege“ den „Landesausschuß zur Förderung und Hebung der Salzburger Eigenart in Tracht, Sitten und Gebräuchen“, der alle Aspekte der frühen Heimatschutzbewegung aufweist[5173]. In diesem Ausschuß arbeiteten auch der Gewerbeförderungsausschuß und der Fremdenverkehrsausschuß, sowie viele Privatpersonen, die im weitesten mit dem Bereich „Volkskultur“ in Kontakt standen, rege mit. Zur zentralen Aufgabe wurde die Tracht. Unter der rührigen Leitung von Karl Adrian wurde am Vorbild der privaten Aufzeichnungen von Leopold Brandauer, dem Anifer Schloßwirt, der als wesentlicher Gründer und Anreger von Trachtenvereinen bekannt war, im ganzen Land der karge Bestand an erhaltenen Volkstrachten erhoben. Leider sind mit Ausnahme einer Denkschrift und weniger Skizzen Leopold Brandauers, diese Aufzeichnungen nicht mehr erhalten. Brandauer beklagt darin das Verschwinden der Gau- und Taltrachten sowie die allgemeine „Volkstrachtenbegeisterung“. „Das Schlagwort ,Volkstracht‘ ist verderblich und es will den Leuten nicht in den Kopf, daß es seinerzeit nur Standestrachten (sic!) gab“.[5174] Wir kennen heute nur die in den Landtagsprotokollen von Karl Adrian unter anderem zusammengefaßten Ergebnisse. Sie besagen, daß Trachten als Alltags- und Festkleidung in Salzburg fast gänzlich verschwunden und in manchen Gegenden schon durch „Dirndlcostume“ ersetzt waren. So plante der Landtagsausschuß eine sukzessive Schaffung von „Neusalzburger Trachten“, für Städter, aber auch für die bäuerliche Bevölkerung in den einzelnen Gauen. „Es sollen daher die alten Trachten in so einer Form modisch gemacht werden, daß sich die Leute wieder herbeilassen, solche Trachten zu tragen“, hieß es im Landtagsprotokoll vom 4. Jänner 1912. Ausgeführt wurde aber nur der erste Schritt, nämlich die Flachgauer Tracht und der städtische Vorschlag der „allgemeinen alpinen Tracht“ für Männer, sowie das Henndorfer Dirndl als erste Entwicklung für Frauen.[5175]

Dazu schrieb Leopold Brandauer in seiner Denkschrift: „Es wurde die Anregung gebracht, daß eine allgemeine Gebirgsjägertracht geschaffen werden sollte, eine Art Gebirgsmontur, modern, auf bäuerlicher Grundlage. Hiezu ist erstmals nötig die Herstellung von grün, braun, blau und grauen Bauernstoffen, welche die heutige dunkle Kleidung wieder beleben, ...“ Eine Variante der „Neusalzburger Tracht“, die daraus abgeleitete „Alpiniatracht“, wurde im August 1912 beim Salzburger Trachtenfest erstmals präsentiert.[5176] Diese ersten Neuschöpfungen wurden alten Stücken nachempfunden, aber nach zeitgemäßen praktischen und ästhetischen Erwägungen modifiziert. Sie sollten eine Kleidungsalternative für heimatbewußte Städter bilden. Die folgenden Gautrachten sollten der bäuerlichen Bevölkerung eine heimatliche Kleidung mit regionalen Aspekten erhalten und das bäuerliche Standesbewußtsein stützen.

Doch nicht nur Spielerei, Nostalgie und Heimatstolz steckten hinter diesen Erfindungen. Der gesamte kultur- und wirtschaftspolitische Hintergrund der Heimatschutzbewegung ist in ihnen zu sehen. Der allgemeine Niedergang der Gewerbe seit der Industrialisierung und die schlechte wirtschaftliche Lage waren maßgebliche Gründe für diese Bestrebungen, die die Wirtschaft im Lande konsolidieren, die Importe vermindern und die Identifikation mit dem Lande fördern sollten. Mit einer solchen neuen Tracht und der damit proklamierten Schicklichkeit der Tracht für alle Gelegenheiten, konnte auch der durch die Mode bedingte Konsumzwang vermindert werden. Zudem sollten für diese Kleidung heimische Rohprodukte, deren Erzeugung ebenfalls gefördert wurde, verwendet und diese durch, über das Wirtschaftsförderungsinstitut geschulte Schneider/innen, hergestellt werden. Die Förderung der Gewerbe, sowie die Erneuerung des Kunsthandwerkes, auch auf dem Sektor der Erzeugung von „guten“ Artikeln für den Tourismus, waren Teil dieser Bewegung. Auch die wirtschaftsfördernde Wirkung der neuen Trachten auf den Fremdenverkehr, sowie eine Vorbildwirkung im Bereich der Sommerfrischentrachten und „Dirndlcostume“ wurde bedacht. Weitere Vorhaben konnten aufgrund des Ersten Weltkrieges nicht mehr verwirklicht werden.

Das „Ehrenkleid der Väter“

Nach den Nöten des Ersten Weltkrieges nahm der Landesausschuß seine Arbeit 1922/23 wieder auf. Das wirtschaftliche Elend der Zwischenkriegszeit scheint aber alle Entwicklungen, die nicht von politischer oder wirtschaftlicher Tragweite waren, hintangestellt zu haben. Der schon in der ersten Arbeitsperiode laut gewordene Wunsch nach einer „Stabilisierung der Stände“ rückte nun sowohl in den Vereinen, als auch auf politischer Ebene ins Zentrum und wurde im Ständestaat schließlich zum politischen Konzept. Auch die Tracht wurde als Mittel dazu angesehen. Dazu wurde eine Abgrenzung Österreichs gegenüber Hitlerdeutschland notwendig. So wurde 1935 ein offizieller Landesanzug geschaffen und den Beamten als Dienstuniform verordnet.[5177] Gleichzeitig nahm in den Vereinen das deutschnationale Gedankengut immer mehr zu, Tracht wurde nun auch zur rassischen Frage und zum Mittel der völkischen Abgrenzung. Die Vereine suchten nach den „Heiligtümern der heimatlichen Scholle“[5178], der „ererbten Vätertracht“[5179] dem „bäuerlichen Ehrenkleid“[5180], und werteten so schon sprachlich die einstige Standeskleidung der Bauern zur „heiligen Sache des Volkstums“[5181] auf. Im Zusammenhang mit der gleichzeitig proklamierten deutschnationalen Ideologie und deren Sicht der Bauern als Überlieferungsträger der germanischen Rasse, wurde der Trachtenträger zum besseren, „wertvolleren“ Menschen. Viele Vereine grenzten sich daher auch immer aggressiver, gegen die Trachtenmode und deren Träger ab, die nach dieser Sichtweise ja das Ehrenkleid der Väter „schändeten“.[5182] Auch unter diesem Titel, aber auch in Anknüpfung an die Planungen der Gautrachten von 1910, gab der Salzburger Landestrachtenverband 1935 eine Trachtenmappe heraus.[5183] Entdeckung, Erneuerung und Erfindung kennzeichnen diese Trachtenvorschläge, die als erste Salzburger Trachtenmappe gelten können. Die Geschichte des Landesanzuges und des Lamberghutes soll eine weitere Abhandlung im folgenden Band der „Salzburger Volkskultur“[5184] darstellen.

Zwischen Heimatbewußtsein und Mode

Die Unterschiede zwischen historischer und erneuerter Tracht sowie Trachtenmode liegen nicht allein, oder am wenigsten im Äußerlichen. Es geht vielmehr um die grundlegende Beziehung zwischen Träger/in und Kleidung. Die Trachten der Ständegesellschaft waren ausschließliche, sozial und regional bestimmte und verordnete Kleidungsnormen, die nicht verlassen werden durften. Sie boten keine grundsätzliche Wahlmöglichkeit, auch wenn sie sich langsam mit der Mode veränderten und Details natürlich frei wählbar waren. Die sogenannten erneuerten Trachten dagegen sind einmal festgelegte Konstrukte, die sich entfernt an ältere Trachtenformen anlehnten, oder einzelne Stücke aus anderen Epochen übernahmen. Sie sind künstlich geschaffene und standardisierte Modelle, die ältere und neue Details zu einer neuen Form verbanden. Natürlich haben sie sich, seit ihrer Entstehung, in einem engen Rahmen, auch der Mode immer wieder angepaßt. Vor allem aber ist ihre Verwendung für jedermann möglich. Das Tragen dieser Trachten wird meist von den Trägern als Botschaft verstanden. Es kann Vereinstreue, Landesbewußtsein, Heimatbewußtsein, Konsumabkehr, ökologisches Bewußtsein, oft auch die Zugehörigkeit zu einer politischen Richtung anzeigen.

Trachtenmode wiederum unterliegt den Spielregeln der Mode und bedient sich, nach augenblicklicher Lust und Laune, historisch-lokaler Aspekte in Form und Material. Die Bandbreite ist grenzenlos, vieles bleibt Eintagsfliege, anderes wiederum wurde durch Beliebtheit und Dauer im Bewußtsein der Bevölkerung zu einer Art von neuer regionaler Tracht (Trachtenwesten und weite Röcke). So haben wir heute auch in der Kleidung, wie bei allen Lebensbereichen die Qual, aber auch das Vergnügen der Wahl, und dürfen bei der Auswahl unserer Kleidung in Formen, Stoffen und Stilrichtungen schwelgen, uns in unserer Kleidung präsentieren oder hinter ihr verstecken.



[5162] Zeitschrift Salzburger Volkskultur, 19. Jg, April 1995, S. 24–34.

[5163] Mautner, Konrad; Viktor von Geramb: Steirisches Trachtenbuch. Bd. 1. Graz 1932; Bd. 2. Graz 1935.

[5164] Marsch, Angelika: Die Salzburger Emigration in Bildern. Mit Beiträgen von Gerhard Florey und Hans Wagner. (= Schriften des Nordostdeutschen Kulturwerkes Lüneburg e. V., o. Nr.). Stuttgart 1977. – Reformation, Emigration. Protestanten in Salzburg. Katalog der Salzburger Landesausstellung. Schloß Goldegg 1981.

[5165] Prodinger, Friederike; Reinhard R. Heinrich: Gewand und Stand. Kostüm- und Trachtenbilder der Kuenburg-Sammlung. (= Schriftenreihe des Landespressebüros, Nr. 44). Salzburg 1983.

[5166] Standestrachten und Bruderschaftstrachten: Prodinger, Friederike; Reinhard R. Heinrich: Gewand und Stand. Kostüm- und Trachtenbilder der Kuenburg-Sammlung. (= Schriftenreihe des Landespressebüros, Nr. 44). Salzburg 1983. – Christoph Lederwasch: Prozession zur 1100-Jahrfeier des Erzstiftes Salzburg. Kupferstich 1682, SMCA, Inv.Nr. 5173/49: Die Zünfte und religiösen Bruderschaften gehen in ihren Standestrachten, nach Rang und Bedeutung für die Stadt gereiht, in der Prozession.

[5167] Kammerhofer-Aggermann, Ulrike; Alma Scope; Walburga Haas (Hg.): Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 6). Salzburg 1993. – Brandner, Susanne: Tracht. Überliefert – getragen – modernisiert. Eine Bibliographie zu Salzburger Kleid und Tracht. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 3). Salzburg 1988.

[5168] Zillner, Franz: Volkscharakter, Trachten, Bräuche, Sitten und Sagen. In: Die österreich-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Band Oberösterreich und Salzburg. Wien 1889, S. 432ff.

[5169] Vgl. Haas, Hanns: Zu den Anfängen der Salzburger Brauchtumspflege. Ländliches Brauchtum in der Stadt. In: Floimair, Roland; Harald Dengg (Hg.): Salzburger Landesfest. 100 Jahre Brauchtumspflege. (= Schriftenreihe des Landespressebüros und der Salzburger Heimatpflege, Sonderpublikation Nr. 90). Salzburg 1990, S. 9–25. – Dengg, Harald: Gestern, Heute, Morgen. Heimat- und Brauchtumspflege in Salzburg. In: Floimair, Roland; Harald Dengg (Hg.): Salzburger Landesfest. 100 Jahre Brauchtumspflege. (= Schriftenreihe des Landespressebüros und der Salzburger Heimatpflege, Sonderpublikation Nr. 90). Salzburg 1990, S. 26f. – Adrian, Karl: Zur Geschichte der Volkskunde in Salzburg. Sonderdruck aus: Correspondenzblatt der Deutschen anthropologischen Gesellschaft. Nr. 9. 1905, 2 S.

[5170] Deutsch, Walter; Ursula Hemetek: Georg Windhofer 1887–1964. Sein Leben. Sein Wirken. Seine Zeit. Gelebte Volkskultur im Lande Salzburg. (= Schriften zur Volksmusik, Bd. 14). Wien 1990, Zeittafel S. 9–23 zeigt viele Vereinsgründungen auf.

[5171] U. a. Adrian, Karl: Unsere Volkstracht. In: Rupertikalender 1913, S. 63ff. – Vgl.: Kammerhofer-Aggermann, Ulrike: Die Salzburger Landeskommission „betreffend Förderung und Hebung der Salzburger Eigenart in Tracht, Sitten und Gebräuchen“ und der Salzburger Landesanzug. In: Kammerhofer-Aggermann, Ulrike; Alma Scope; Walburga Haas (Hg.): Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 6). Salzburg 1993, S. 25–49. – dies.: Der Lamberghut oder die Schaffung von Tradition und „Echtheit“. In: Kammerhofer-Aggermann, Ulrike; Alma Scope; Walburga Haas (Hg.): Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 6). Salzburg 1993, S. 50–82.

[5172] Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung 1912, H. 12, S. 1.

[5173] SLA, Landtagsprotokolle 1911/12, 24.1.1912, Nr. 150, S. 931–952, S. 1537–1538 sowie 18.9.1913, Nr. 95, S. 769–822, S. 2302–2303. – SLA, HB D 00770, Satzungen des Vereins für Heimatschutz in Salzburg bei Umbildung. 3.–21–3–1911, 13/14: Die Abteilung 4 widmete sich Sitte, Tracht, Gebräuchen, Sprache und Volkslied.

[5174] Brandauer, Leopold: Beschreibung zum neu Entwurfe der salzburger Volkstrachten. Zur Besprechung vorgelegt der Fachabteilung IV. des Vereines „Heimatschutz“ in Salzburg und als fertige Tracht vorgestellt durch Neubauer und Brandauer dem hohen salzburger Landesausschusses am 5. Feb. 1912. Nachlaß Leopold Brandauer im Privatbesitz. Für die Einsichtnahme in Fotokopien bei der Salzburger Volkskultur danke ich Herrn Harals Dengg. – Vgl. Langenfelder-Wonisch, Renate: 100 Jahre Dirndlgwand. Trachtenerneuerung und Trachtenpflege in Salzburg. In: Floimair, Roland; Harald Dengg (Hg.): Salzburger Landesfest. 100 Jahre Brauchtumspflege. (= Schriftenreihe des Landespressebüros und der Salzburger Heimatpflege, Sonderpublikation Nr. 90). Salzburg 1990, S. 64–69.

[5175] Vgl. Scope, Alma: Die Entstehung des Henndorfer Dirndls. In: Salzburger Volkskultur. Jg. 18. Nov. 1994, S. 18–23. – dies.: Das Henndorfer Dirndl. Zur Erfindung eines Mythos. In: Kammerhofer-Aggermann, Ulrike; Alma Scope; Walburga Haas (Hg.): Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 6). Salzburg 1993, 83–132. – o. A.: Zur heimischen Volkstracht der Städter. In: Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 1. 15.4.1912, H. 4, Titelblatt.

[5176] Fest-Veranstaltungen der „Alpinia“ in Salzburg am 3., 4. und 5. August 1912. o. A., o. O., zusammengestellt vom Reklame-Institut Josef Urban sind darin abgebildet: auf S. 12: „‚Männliche Tracht des Salzburger Flachgaues‘. Entworfen vom Ausschuß zur Erhaltung und Schaffung der Volkstracht“ sowie auf S. 14: „‚Allgemeine Alpine Salzburger Tracht‘. Entworfen vom Ausschuß zur Erhaltung und Schaffung der Volkstracht“. Leider erschienen 1993 diese beiden jeweils vierteiligen Abbildungen in „Trachten nicht für jedermann?“ [Kammerhofer-Aggermann, Ulrike; Alma Scope; Walburga Haas (Hg.): Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 6). Salzburg 1993, Abb. 4 und 5] mit falschen Untertiteln.

[5177] Landesgesetzblatt für das Land Salzburg vom 14. September 1935. In: Zwink, Eberhard (Hg.): Salzburger Quellenbuch Von der Monarchie bis zum Anschluß. (= Schriftenreihe des Landespressebüros, Salzburg Dokumentation Nr. 86). Salzburg 1985, S. 285–287. – Novelle zum Landesgesetzblatt 42/1936. – SLA, Salzburger Landtag. Bd. 75. 1934/35. 1. Teilabschnitt, Beilage 56, S. 41f.

[5178] Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 4. 1921, H. 2, S. 3.

[5179] Kuno Brandauer, Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 7. 1924, H. 7, S. 3.

[5180] Kuno Brandauer, Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 22. 1939, H. 3, S. 17.

[5181] Toni Blum, Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 6. 1923, Nr. 6, S. 2.

[5182] U. a. B(randauer), K(uno): Hie Landestracht – dort Landestrachten. In: Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 18. 1935, H. 12, S. 92f; Jg. 6. 1923, H. 6, S. 2; Jg. 6. 1923, H. 7, S. 3; Jg. 6. 1923, H. 16, S. 2. – Brandauer, Kuno: Über Salzburger Volkstrachten. Aus einem Rundfunkvortrage. In: Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 19. 1937, H. 5, S. 34ff. – ders.: Von unserer Arbeit in der Trachtenpflege. Ein paar trockene Tatsachen. In: Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 18. 1935, H. 6, S. 47f. – Castelpietra, Cassio: Aufbauarbeit im Trachtenwesen. In: Österreichische Alpine, Volks- und Gebirgs-Trachten-Zeitung. Jg. 7. 1924, H. 16 und 17, S. 6 bzw. S. 3. – Commenda, Annemarie: Fremdenverkehr in Tracht. In: 1. Österr. Reichsverband für Alpine, Volks- und Gebirgstrachtenerhaltungs-Vereine (Hg.): Trachten-Taschen-Kalender. Salzburg 1935, S. 79–84.

[5183] Landesverband der Trachtenvereine unter Obmann Kuno Brandauer (Hg.): Salzburger Landes-Trachten. Salzburg 1935.

[5184] Kammerhofer-Aggermann, Ulrike: Die Geschichte einer Folklorisierung und Instrumentalisierung. Der Salzburger Lamberghut. In: Salzburger Volkskultur, 19. Jg., November 1995, S. 15–26.

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