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6.8. Karl Adrian: Das Oberndorfer Hirtenspiel

6.8.1. Kommentar von Ulrike Kammerhofer-Aggermann

Das Betätigungsfeld von Karl Adrian

Der Lehrer Karl Adrian (17. 02. 1861–14. 10. 1949) zählt zu den prägenden Vorläufern der Volkskunde in Salzburg, der – besonders seit seiner Pensionierung 1922 – auch ehrenamtlich kulturell tätig war: von 1904 bis 1942 als Ehrenkustos des SMCA, als Ehrenmitglied (ab 1928) der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, als Korrespondent (ab 1925) und Konservator (ab 1937) des Bundesdenkmalamtes, als Korrespondent der Anthropologischen Gesellschaft sowie der Vereine für Volkskunde in Berlin und in Wien.

Karl Adrians wesentliche Aktionszeit fällt in die letzten Jahre der „Altertumssehnsucht“ am Übergang zur Zeit der restaurativen Heimatschutzideen rund um 1900. Karl Adrian gehörte zu den 24 Gründungsmitgliedern des 1910/11 gebildeten Sonderausschusses des Salzburger Landtages „betreffend Förderung und Hebung der Salzburger Eigenart in Tracht, Sitten und Gebräuchen“. Er wurde Vorsitzender des Arbeitsausschusses, denn er war bereits seit 1908 Obmann der Fachabteilung IV „Sitte, Tracht und Brauch“ des Vereines für Heimatschutz in Salzburg, der sich am Bayerischen Vorbild entwickelt hatte.[1808] Die Ergebnisse der Tätigkeiten wurden dem Landtag zwischen 24. Jänner 1912 und 19. Oktober 1913 vorgelegt und bildeten die Grundlage für Karl Adrians Bücher und Aufsätze.[1809]

Diese Bemühungen trafen sich mit den Bestrebungen des 1912 gegründeten Österreichischen Heimatschutzverbandes, dessen vorrangiges Anliegen primär dem Denkmalschutz, dem Schutz des Orts- und des Landschaftsbildes und der Pflege einer landschaftsgerechten Bauweise galt.[1810] Die Statuten sahen allerdings auch dezidiert die „Erhaltung und Wiederbelebung volkstümlicher Art in Gerät, Tracht, Brauch und Musik“ vor.[1811]

Mit seinen Forschungen und Dokumentationen, die sich in einer Reihe von Publikationen niederschlugen, schuf er die ersten Grundlagen für die Brauchtumspflege. Dokumentation, Rettung, Wiederbelebung, Schutz und zeitgemäße Adaption wie Stilisierung gehörten zu seinen Bemühungen, die Friederike Prodinger darstellte.[1812]

6.8.2. Das Oberndorfer Hirtenspiel (Karl Adrian)[1813]

Bei der außergewöhnlichen Begabung des Schiffervolkes für schauspielerische Darstellungen ist es erklärlich, daß auch das Volksschauspiel in diesem Kreise eine lebhafte Pflege fand. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden solche Dichtungen, in der Zeit von Neujahr bis Lichtmeß, von herumziehenden Truppen teils zur Erbauung, teils zur Belustigung der Zuhörer mit derbem Realismus in Sprache und Spiel vorgeführt. Dr. August Hartmann hat diese Spiele in seinem Werke „Volksschauspiele“ – Leipzig 1880, herausgegeben; es genügt wohl, deren Titel anzuführen, es sind folgende: das Kain- und Abelspiel, das Goliathspiel, das König Salomonspiel, das Adam- und Evaspiel und das Laufener Hirtenspiel. Im großen und ganzen stimmt nachstehendes Oberndorfer Hirtenspiel textlich mit jenem, welches Hartmann als Laufener Hirtenspiel in seine Sammlung aufgenommen hat, überein, doch finden sich verschiedene Abänderungen und Kürzungen, insbesondere hat es eine weitere Vereinfachung dadurch erfahren, daß einzelne Figuren des Laufener Spieles weggelassen wurden.

Der Schiffer Jakob Berger, vulgo „Hessi“, selbst einer der Darsteller, hat es dem Gewährsmann des Verfassers vordeklamiert, der es danach laut- und wortgetreu niederschrieb. Es ist dies das einzige Volksschauspiel, das gelegentlich heute noch aufgeführt wird. Die Darsteller, Stöffö, Maxl, Rüapö, sind als Hirten gekleidet, mit Spitzhüten und breiten, weißen Halskrägen. An der Seite haben sie die Hirtentasche, in der Rechten den langen Salzlöffel. Sie haben ein kleines, aufklappbares Kastenkrippchen mit, das sie bei der Aufführung auf den Tisch stellen.

Stöffö: Steh’ ich vor meiner Schäfershüttn,

wo die getreuen Hirten wachen,

dö Lust hat fast koan Nåma nöt

den Himmel aufzufassen.

Siach den schönen Himmikroas

Erd und Sterna prånga

Tag und Nacht, dös wird ma schwar

dös kann i nöt dålånga.

Maxl: Mei liaba Bruada Stöffi mein,

dein Kunst richt ja nix aus,

du siagst ja selbst den Glanz, den Schein,

o mein, das muaß was anders sein.

Mei Narr! Dein Ding und ålls geht drauf.

Mei laß’ dein Guckn sein,

pack z’samm und gib dö drei!

Rüapö: Jazt Manna laßt’s enk was vazölln,

dös Ding macht mi schon z’ritt,

hab glaubt, es kimmt der Wolf, da Schelm,

mein Lampö göbn koan Fried!

Ob do nit das die Nacht wird sei,

wia s‘ uns ham’s prophezeit.

Hab’s schon oft von alte Leut’ sagn ghört,

es kimmt scho nu die Zeit.

Stöffö: O Himmelsfreuden reiche Nacht,

Gott soll gepriesen werden.

Was is denn schöna in der Tat,

in Himmö und auf Erden?

Das is da Glanz, da Wunderschei’,

der auf uns årme Hirten zoagt.

Seid’s lustö, fröhlich mir allzeit,

zeigt uns der Stern den Glanz aufs neu.

Maxl: Geh’ Rüapö tua auf dö Lampö schaun,

dem Wolf, dem Schelm, dem is nöt z’traun.

Er is a Schelm auf unsara Heid,

Gebt’s fleißig acht, vasambt’s koan Zeit.

Da Spitzl hilft uns a dazua,

lost’s Manna, er geit gar koan Ruah.

Rüapö: Geh’ Maxl, tua nöt gar so zaghaft sei,

Da Wolf kann nix dahåsch’n

han i an guatn Kieselstoan

in meina Hirtentaschn.

Den schnålzö eam aufi aufn Kopf,

da kann er zauna und schmöcka

der Hund, der Tropf,

der wird uns gwiß uns’re Schaf nimma daschröcka.

Stöffö: Is nöt a lustigs Leben um an Schafhirta,

i tausch mit koan gnädinger Herrn,

schweig’s mit an Kaisa.

Maxl: Ja, a Kaisa hat a viel Kumma und Suring

und a Surig is a übös Tier,

dös zwickt und beißt allwei im Herzn,

vom Herzn kimmt’s in Kopf.

Manna bild’s enk nur ein,

der Mensch, der a Surig hat,

kann nöt recht lusti sein.

Stöffö: Pui Toifi, oft möchte i koan Kaisa nöt sein.

(Man hört den Kuckuck rufen.)

Rüapö: Los Maxl! Los Stöffö!

Kann ma i dös Ding nöt bildn ein,

daß mittn im Winter da Kuckuck tuat schrein.

I kann nöt fassen, was dös bedeut,

daß auf Feldern und Gassn,

dö Sunn so schön scheint.

Maxl: Ös habts a Freud‘ und i hab a Load,

Lög mi nieda und schlaf a Oart.

Stöffö: Ja, i laß a d‘ Schaf für d‘ Schaf,

Lög mi nieda und schlaf.

Rüapö: Ja, i bi a stoanalt und eisgrau dazua,

Lög mi halt a wenig nieda in d‘ Ruah.

Maxl: Mei, mei, is schon nöt zum traun,

mua zu meinö Schaffa schaun.

Mei, mei, was is denn das für a Schein,

muaß i gen gschwind in Rüapö schrei.

Mei, mei, wia bi i iazt voll Schröcka,

kann i in Rüapö nöt aus’n Schlaf dawöcka,

mui gen gschwind in Stöffö wöcka!

Stöffö, auf! auf!

Stöffö: Mei, mei, was hast denn nur für a Gjammer,

Hab mi erst niedaglögt, tuat mi am besten trama!

Mei, mei, was is denn das für a Rötn,

tuast du dö frei fürchtn und betn.

Maxl: Ei, jawohl, bin i a grad sunst volla Schröcka,

wie i ön Rüapö nöt kann aus’n Schlaf dawöcka.

Stöffö: Hau, den bringa ma schon aus’n Schlaf,

i ziagn föst beim Losern[1814] an.

Maxl: Ja, i lauf da a nöt davon,

ziagn föst bein Kruakan[1815] an.

Rüapö auf! Auf Rüapö!

Mei mei, was is denn dös für a Schimma,

tuat ja do die ganze Welt brinna!

Ei, jawohl!

Rüapö: Jazt Manna laßt’s enk mein Tram vazölln,

oba meina is a kloana Bua umag’flogn,

hat sö hin und her gschwunga,

ganz guidara is da Bua anglögt,

was mir scheint, is a Engl gwön.

Maxl: Ja, i laß mas a nöt nema,

glanzt hat sei Gwamst so schön,

aft is a zua ins herkema.

Rüapö: Juhu! Jazt bin i schon dahört,

und was i hab schon lang begehrt,

i tat nöt tausend Tala nehma,

da da Messias auf d‘ Welt is kema.

Stöffö: Ja, i bin a scho volla Freudn,

mir is a koan Weg nöt z’weit,

Manna, wann nur dös Ding bald kam,

Da ma bald in Bethlehem warn.

Maxl: Ja, Manna, wann ma auf Bethlehem keman,

kinn ma koan Menschn beim Nama nenna,

is frei a rechtö Sach.

Wann ma gar dumm toan,

wer’n ma ausg’lacht.

Stöffö: Ja, Manna, wann ma auf Bethlehem keman,

soll ma in Kindl a Gschenk mitnehma!

Ebbas schenkn, ebbas voehrn,

aft hätt‘ uns Kindl a recht gern.

Maxl: Ja Manna, woll ma unsa Opfa bringa,

meinatwegn, geh’ du voran,

du woaßt in Weg nach Bethlehem scho.

Stöffö: O herzigs Kind!

Ich falle dir zu Füßen,

i bitt, du wirst so gnädig sein,

mei Opfer nöt ausschliaßn.

Hab nix als wia zwoa Oa,

ham mas znagst erst kauft bei insan Moa.

I wollt’s dem Kindl gern schenka und göbn,

oba i fürcht, i wer a schlechte Ehr aufhöbn.

Maxl: O herzigs Kind! Ich falle dir zu Füßen,

i bitt, du wirst so gnädig sein,

mein Opfer nöt ausschliaßn.

Hab nix als a Wöckl,

a Schmalz, a kloans Bröckl.

Wann’s Kindl nöt gar z’gassig[1816] wa,

kunt’s ihr a Scherzl bacha,

oder a Suppn macha.

Rüapö: O herzigs Kind! I hab mi a bedacht,

und hab dir an zotternden Widda bracht.

Is ma umag’loffn auf da Woad,

is ma selba load.

Tuats’n fleißig putzn und schern,

mit der Zeit wird a bessa wer’n,

dö Woll fleißig aufhebn,

mit der Zeit kunt’s in Kindl a Röckö a göbn.

Vata und Muatta, um dös bitt enk a nu recht schö,

wann i amal zum Sterbn tua sei,

laßt’s mi a zu enk in Himmi ei.

Wenn nun das vorgeführte Spiel den besonderen Beifall der aufmerksam lauschenden Zuhörer gefunden hat, der sich in reichlichen Geschenken äußert, so entschließt man sich wohl noch zu einer Zugabe. Diese besteht in dem Vortrage eines Gedichtes, das in einem Schriftdeutsch, das vom Lokalton der Mundart stark beherrscht wird, von einem Spieler in „Habtachtstellung“ mit unnachahmlicher Mimik gesprochen wird.



[1809] SLA, Landtagsbericht Nr. 150, L.-T.1911/12, 24. 01. 1912, S. 931 und Beilage B, S. 936. – [Gewerbeförderungsinstitut Salzburg] 1907, S. 7 ff.

[1811] [Prodinger/Schmidt 1950]. – [Prodinger 1950]. – Herrn HR Direktor Dr. Franz Grieshofer ist für die Überlassung von Textpassagen wie den Zitaten aus Prodinger, Johler, Nikitsch und Tschofen herzlich zu danken!

[1813] [Adrian 1924], S. 37–43.

[1814] Anm. Adrian: Ohren.

[1815] Anm. Adrian: Füßen.

[1816] Anm. Adrian: Allzu hungrig.

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