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4.8. Klöpfelnächte und An(g)klöckeln (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

4.8.1. Kurztext

4.8.1.1. Klopft an, so wird euch aufgetan

Nach dem Konzil von Ephesos, 431, wurde der Advent erfunden, wobei die dreiwöchige Variante in Rom für die Entwicklung der drei Donnerstage wichtig ist. Mit dem ersten Adventsonntag beginnt das Kirchenjahr als Vorbereitung auf die Geburt Christi zu Weihnachten bzw. als Hinweis auf die Ankunft Christi am Ende aller Zeit.

Die drei Donnerstage vor Weihnachten, die „heiligen Klöpfelnächte“, haben kirchlicherseits Bezüge zu Christus und der Eucharistie. Sie werden mit der Bergpredigt („Klopft an, so wird euch aufgetan“ / NT, Mt 7,7 f.) und dem Lukasevangelium („die ihr draußen steht und an die Pforte zu klopfen beginnt und ruft: Herr mach uns auf!“ / NT, Lk 13,25 und Lk 13,26) in Verbindung gesetzt. Die Ansichten der Forscher, ob sie seit dem Mittelalter Ankündigung des Weihnachtsfestes und Heischebrauch (Dietz-Rüdiger Moser)[914] waren, oder ob sie zuerst Neujahrswunsch, Segen und Orakel waren (Hans Moser), gehen auseinander. Beide Deutungen sind belegbar. Viele weitere Aspekte treten je nach Zeit, Ort und religiösem Umfeld zutage.

4.8.1.2. Beständiger Wandel der Inhalte

Hans Moser hat aus bayerischen Archivalien eine vortreffliche Geschichte des Klöpfelns[915] ab dem 15. Jahrhundert erstellt. Ein Klopfanlied aus dem Pinzgau, das Karl Adrian (1924) nennt, zeigt Formen eines 1530 in Nürnberg gedruckten Liedes. Im frühen 15. Jahrhundert gibt es Belege für das Klöpfeln als fröhlichen Neujahrswunsch (Basel 1420). Ab dem 17. Jahrhundert wurden die Klöcklerwünsche oft auf den Perchtenabend vor dem Dreikönigsfest verlegt (1616 in Nürnberg) und Texte aus dem Aufbruch der Hirten zur Krippe in die Sprüche übernommen. In einem der „Losbücher“ des Klosters St. Ulrich und Afra in Augsburg taucht 1454 die Bezeichnung „Clöpfflinsnächt“ und „drey rachnacht“ auf. Die beiden protestantischen Priester und Humanisten, Johannes Boemus (1520) und Sebastian Franck (1534),[916] beschreiben und kritisieren das Klöpfeln.

Im 19. Jahrhundert ist der religiöse Aspekt oft nur am Rande feststellbar, im Zentrum stehen Gabenbitten und Wünsche. Ein häufig vorhandenes gereimtes Rätselwettspiel, das für Gaudi sorgte, zeichnete August Hartmann[917] 1880 in Tittmoning auf, es existiert auch in St. Georgen bei Salzburg. Auch Johann Andreas Schmeller definierte die „Klöpfleinsnächte“ in den 1870er-Jahren als die „[...] Donnerstage in der Adventzeit, an welchen arme Leute und Kinder, die sonst eben nicht betteln, [...] auf dem Lande herumgehen, [...] an die Thüren klopfen, und einen gewissen Reimspruch hersagen, sich eine Gabe ausbitten, [...]“.[918] Klöckler finden sich bis heute in Süd- und Mitteldeutschland, der Schweiz und Südtirol. Hans Moser nennt Belege für Bayern im 19. und 20. Jahrhundert. Richard Wolfram[919] findet sie im Flachgau und Rupertiwinkel 1954 und 1942. Bis heute ist das Anklöckeln in den Städten unbekannt.

4.8.1.3. Brauch und Missbrauch

Karl Adrian hat 1924 für Salzburg vielfältige Formen aufgenommen, die sich oft mit Herbergsuche und Perchtenumzug vermengen.[920] Im Raurisertal (1880) ziehen die Anklöckler „schiach vermummt“ von Hof zu Hof, dafür erhalten sie Nüsse. Johann Andreas Schmeller beruft sich in seinem 1827 begonnenen Wörterbuch auf Lorenz Hübner[921] und vermerkt für Salzburg: „Je mehr Anglögkler [...] desto fruchtbarer das nächste Jahr“.[922] Franz Valentin Zillner nennt 1889 die „Anglöckler“, die zwischen Weihnachten und Dreikönig herumziehen, als eine Erinnerung an das frühere Herbergsuchen.

Im Gasteinertal tragen die vermummten Klöckler lange Stöcke mit sich, mit denen sie an Fenster und Türen klopfen. In Knittelversen führen sie Frage- und Rätseldialoge mit den Hausleuten durch (1924). Im Pongau erscheint ein ganzer Perchtenzug singend und spielend. Die Pinzgauer Anklöckler zeigten 1924 auch Bezüge zum Nikolausspiel. Ein Pinzgauer Klöcklerspruch, von Karl Adrian aufgezeichnet, lautet: „Klopf an, klopf an, dö Bäurin hat an schön Mann, / sö geit ma an Huat voll Klotzn z‘ Lohn, / wie i ihren Mann globt han, globt han“.

Speziell im protestantischen Umfeld erhalten im 16. Jahrhundert die Klöpfelnächte einen gespenstischen, abschreckenden Zug und werden als „papistisch“ abgetan. In Reichenhall ist ein Versuch (1670) bekannt, mit in den Klöpfelnächten präparierten Pfennigen zu hexen. Raufhändel und Unfug verursachten vielerlei Verbote.

4.8.1.4. Ankündigung der Ankunft des Erlösers

1593 hoben die „Apostelpredigten“ des Ingolstädter Jesuiten Bartholomäus Wagner das Anklopfen des Heilands an die Herzen der Menschen hervor. Diese Ausdeutung findet sich bald in den katholischen Gebetbüchern. Ob die Formen der Herbergsuche im Gebirge mit den 1738 zur Rekatholisierung dorthin entsandten Missionen in Zusammenhang stehen, ist zu vermuten. Vielfach finden sich Aspekte der Herbergsuche und des Krippenbesuches durch die Hirten in Klöcklersprüchen. In Salzburg ist auch überall der Heischeaspekt und damit die Bindung des Brauches an „arme Leute“ oder an solche, die im Winter kaum Verdienst haben (Schöffleute, Bergleute u. a.), gebunden. Das Dürrnberger Klöckelbeten[923] schildert Johann F. Schatteiner.

Die zunehmende Aufklärung führte zu immer häufigeren Verboten der „volkstümlichen Missbräuche“ in Bayern im 17. und 18. Jahrhundert. Ob die Salzburger Almosenordnung gegen die Bettelei von 1754 darauf Einfluss hatte, oder ob der Reform-Hirtenbrief vom 29. Juni 1782, der sich gegen alle Arten von „Un- und Aberglauben“ wendet, das Anklöpfeln beeinträchtigte, wissen wir nicht. Daneben begann auch die Begeisterung für das „Volksleben“, der wir viele Aufzeichnungen verdanken. Der „Etikettierungsprozess der Moderne“ (Konrad Köstlin), der Volkskultur als integralen Bestandteil braucht und damit vorgibt, den Beschleunigungs- und Globalisierungsprozess der Moderne zu relativieren, stand am Beginn. Im Umkreis nationaler Wurzelsuche und des Nationalsozialismus wurden auch die Klöckelnächte zu Wotansnächten und das Anklöckeln zu „germanischem Relikt“ umgedeutet.

Zum Nachlesen

[Kapfhammer 1977a] Kapfhammer, Günther (Hg.): Brauchtum in den Alpenländern. Ein lexikalischer Führer durch den Jahreslauf. München 1977.

[Roth 1977a] Roth, Hans: Anglöckler oder Adventsänger von Oberndorf. In: Kapfhammer, Günther (Hg.): Brauchtum in den Alpenländern. Ein lexikalischer Führer durch den Jahreslauf. München 1977, S. 19 f.

[Koch 1846] Koch, Matthias: Reise in Oberösterreich und Salzburg, auf der Route von Linz nach Salzburg, Fusch, Gastein und Ischl. Mit einem historischen Anhang, Abbildungen und statistischen Tabellen. Wien 1846.

[Koren 1954] Koren, Hanns: Die Spende. Eine volkskundliche Studie über die Beziehung „Arme Seelen – Arme Leute“. 1. Aufl. Graz [u. a.] 1954.

[LThK 1986] Buchberger, Michael (Begr.); Höfer, Josef; Rahner, Karl (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 14 Bde. 2. Aufl. (Sonderausgabe). Freiburg im Breisgau 1986.

[Rasp 1972] Rasp, Hans: Die Oberndorfer Anglöckler. In: Das Salzfaß [N. a.F.] 6 (1972), S. 33 f.

4.8.2. Langtext

4.8.2.1. Salzburger Belege

Klöckler (in der Schweiz „Bochsler“ genannt) finden sich bis heute in ganz Süd- und Mitteldeutschland. Hans Moser[924] nennt Belege für Bayern im 19. und 20. Jahrhundert. Richard Wolfram findet sie 1954 und 1942 im Flachgau und Rupertiwinkel und im Zuge der „Brauchtumsaufnahme“ zur Absiedlung der Südtiroler Bevölkerung (im Rahmen der Optionskommission des SS-Ahnenerbe) – im Südtiroler Sarntal. Die vermummten „Klezi-Klezi“ aus St. Georgen bei Oberndorf beschreibt er beispielhaft näher.

Bei den Schilderungen des 19. Jahrhunderts ist der religiöse Aspekt oft nur am Rande feststellbar, im Zentrum stehen Gabenbitten und Wünsche. Ein häufig vorhandenes, gereimtes Rätselwettspiel, das für Gaudi sorgte, zeichnete August Hartmann auch 1880 in Tittmoning für die „Anroller“ oder „Kletz-Kletz“ auf, es existiert auch in St. Georgen bei Oberndorf. Auch Johann Andreas Schmeller[925] definierte die Klöpfleinsnächte in den 1870er-Jahren als die „[...] Donnerstage in der Adventzeit, an welchen arme Leute und Kinder, die sonst eben nicht betteln, vor den Häusern auf dem Lande herumgehen, und indem sie mit hölzernen Hämmerchen oder sonst an die Thüren klopfen, und einen gewissen Reimspruch hersagen, sich eine Gabe ausbitten, die gewöhnlich aus Esswaaren, Brod, Küecheln, Klötzen u. dgl. besteht.“ (1/2, Sp. 1337 ff.).

Karl Adrian hat 1924 für Salzburg vielfältige Formen aufgenommen, die sich oft mit Herbergsuche und Perchtenumzug vermengen. Im Raurisertal (1880) ziehen die Anglöckler „schiach vermummt“ von Hof zu Hof und kritisieren in Reimen das Verhalten der Hofinsassen und wünschen Glück. Dafür erhalten sie Nüsse. Ihr Kommen bedeutet den Bauern Glück und Fruchtbarkeit. Schmeller beruft sich in seinem 1827 begonnenen Wörterbuch (1/2, Sp. 972) auf Lorenz Hübner[926] und vermerkt für Salzburg: „Je mehr Anglögkler (vermummte Bursche, welche den Hausbesitzern Segen zum Fenster hineinschreyen und dafür beschenkt werden), desto fruchtbarer das nächste Jahr“.

Im Gasteinertal tragen die vermummten Glöckler lange Stöcke mit sich, mit denen sie an Fenster und Türen klopfen. In Knittelversen führen sie Frage- und Rätseldialoge mit den Hausleuten (1924). Im Pongau erscheint – singend und spielend – ein ganzer Perchtenzug. Die Pinzgauer Anglöckler sind ebenfalls vermummt, 1924 trugen einige zu den Larven auch Bischofsmützen – ein deutlicher Bezug auch zum Nikolausspiel.

4.8.2.2. Gespenstisches

Speziell im protestantischen Umfeld erhalten im 16. Jahrhundert die Klöpfelnächte einen gespenstischen, abschreckenden Zug (zumindest in der Beschreibung und Bewertung durch die gelehrten Reformer) und werden als „papistisch“ abgetan, obwohl sie, etwa in Franken, auch dort vielfach erhalten bleiben. Anton Birlinger[927] beschreibt sie 1872, dem Geist der Altertumssuche verpflichtet – auf Sebastian Franck[928] (der etwa auch über die Verkörperungen des heiligen Nikolaus und seine Begleiter spottete) aufbauend – im „Altaugsburger Festjahr“: „Diese Necht helt man für scheulich und verworfen tag, förcht sich vor Gespennst, Unholden, Hexen und Drutten“. Weitere Darstellungen der Bräuche im Jahrlauf finden sich in der von König Maximilian angeregten und von Wilhelm Heinrich Riehl ab 1860 herausgegebenen „Bavaria“, einer romantischen Altertums- und Heile-Welt-Suche, die für die Volkskunde wichtige Quelle ist.

Im katholischen Gebiet blieb das Anklöpfeln Brauch, wie Hans Moser über daraus entstandene Raufhändel feststellen konnte: Ötting 1538, Erding 1540, Wasserburg 1543, Braunau 1547, 1555 Reichenhall etc. Das Rechnungsbuch des Stiftes Berchtesgaden verzeichnet im Jahr 1605 Geldgeschenke für die Kinder für „die drey khlöppel nächt“. Immer wieder uferte das Klöpfeln zu Radau der Jugendlichen aus und wurde deshalb, wie auch aus Gründen der Erziehung und Aufklärung verboten. 1611/12 wurden deshalb auch dem Amtmann von Reichenhall wegen seiner Strenge von den Klöpflern in den Klöpflesnächten wiederholt die Fenster eingeschlagen. (Dieser Vergleich ist interessant, denkt man an die Bedrohung des Pflegschaftsbeamten in Saalfelden.) Aberglauben durchsetzte offenbar noch lange viele religiöse Übungen. In Reichenhall wurden 1670 drei Männer – zwei Wirte und ein Kellner – nach der Christmette verhaftet, weil sie mit schwarzen, schon in den Klöpfelnächten vorbereiteten Pfennigen bei einem Feuer im Kirchturm hexen wollten.

4.8.2.3. Ankündigung der Ankunft des Erlösers

1593 brachten die „Apostelpredigten“ des Ingolstädter Jesuiten Bartholomäus Wagner eine Wende und hoben als Bedeutung für die Katholiken das Anklopfen des Heilands an die Herzen der Menschen hervor. Diese Ausdeutung als Ankündigung der Ankunft des Herrn findet sich bald in den katholischen Gebetbüchern. Wie bei so vielen Bräuchen hatten Jesuiten eine neue Form oder eine neue, der Zeit entsprechende Ausdeutung gefunden. Ob die Formen der Herbergsuche im Gebirge mit den 1738 zur Rekatholisierung dort hin entsandten Missionen in Zusammenhang stehen, ist zwar zu vermuten, aber nicht zu beweisen. Franz Zillner nennt 1889 im Beitrag über Salzburger Bräuche im „Kronprinzenwerk“[929] die „Anglöckler“, die zwischen Weihnachten und Dreikönig herumziehen, als eine Erinnerung an das frühere Herbergsuchen.

Karl Adrian[930] verweist darauf, dass „in früheren Zeiten“ in Hallein das Anglöckeln auch „Anhörbign“ hieß, also Herbergsuchen. Er selbst erinnerte sich noch an die alten „Hergottmacherleute“ in Hallein, die über 50 Jahre (das hieße etwa zwischen 1850 und 1900) „anhörbigen“ gingen und dabei eine Wechselrede zwischen Josef, Maria und dem hartherzigen Wirt vortrugen, die Adrian aufzeichnete. Auch Schmeller erwähnt eine solche Verknüpfung, die auch sprachlich interessant ist, da in sie die wertende Brauchtumsideologie der Wurzelsucher samt ihrer Sprache noch nicht eingeflossen ist: „Sollte es [Anm.: das Anglöckeln] gar vielleicht von dem ehemaligen Gebrauch herstammen, nach welchem die Sundersiechen [Anm.: Insassen des Siechenhauses], zu gewissen Zeiten, besonders an den Quatembern (wovon die letzte in die Woche vor Weihnachten fällt) mit einer Klapper oder einem Glöcklein in den Ortschaften herumgehen und Almosen einsammeln durften? Es mag dieser Brauch auch eine Beziehung haben auf das in alten Weihnachtsliedern oft besungene, vergebliche Herumwandern und Anklopfen Josefs und Marias an den Häusern [...] um eine Herberge zu finden!“ Für Salzburg wurde das wöchentliche Almosensammeln der Insassen des Bürgerspitals unter Erzbischof Colloredo geregelt. „Ein Weib aus dem Siechenhaus beim Sammeln“ mit Klapper und Sammelbüchse ist in der Kuenburgsammlung unter Katalognummer 81 abgebildet.

In Hallein existierte auch die fragende Redensart „gehst nöt a Glöckibetn?“, denn arme Leute und Kinder zogen im Advent umher, trugen fromme Sprüche vor und heischten um Gaben. In Bezug auf Hallein ist an Salinenarbeiter, Schöff- und Bergleute zu erinnern, die Nebenerwerb im Winter notwendig hatten und für ihre Hausindustrie und ihre Spiele berühmt waren. Sogar in der alten Halleiner Kirchenkrippe aus dem 18. Jahrhundert sind die armen Schöffleute in ihrer Schifferkleidung, mit den langen Rudern zum Manövrieren der Floße in einer devoten, bittenden Haltung mit gezogenen Hütten und aufgehaltener Hand dargestellt.

4.8.2.4. Die Überheblichkeit der Aufklärer

Die zunehmende Aufklärung führte zu immer häufigeren Verboten der „volkstümlichen Missbräuche“ in Bayern im 17. und 18. Jahrhundert. Am 14. Dezember 1803 entgegnete der Münchner Landesdirektionsrat von Hellersberg einer Aufforderung an die Polizeidirektion, auch das Klöpfeln endgültig zu verbieten, mit einer „Rechtlichen Einwendung“, die hier auszugsweise nach Hans Moser wiedergegeben wird. Die Klöpfelsnächte werden als erworbenes „Praedium servitutum“ der „Lehrbuben und Bettelleute“ angesehen, „die auf den heurigen Empfang von Geschenken einen Teil ihrer Lebensweise begründet“ haben. Der Schreiber wendet sich scharf gegen die Überheblichkeit der gelehrten, volksfernen Aufklärer und stellt das Klöpfeln als tradierten Heischebrauch dar. Des Weiteren kommt in seinem Text die in seiner Generation neue Sichtweise, die Begeisterung für die Bräuche „des Volkes“ – der einfachen Leute – durch, in der die Gebildeten eine unverfälschte, urtümliche Lebenswelt vermuteten. Zu jener Zeit begann der „Etikettierungsprozess der Moderne“ (K. Köstlin), der Volkskultur als integralen Bestandteil braucht und damit vorgibt, den Beschleunigungs- und Globalisierungsprozess der Moderne zu relativieren.

Die bayerischen Belege sollen eine Entwicklung darstellen, die derzeit nicht durch Salzburg betreffende Akten ergänzt werden kann. Derzeit sind für Salzburg nur Belege für unser Jahrhundert und die Jahrzehnte davor bekannt. In Salzburg wurde das Anklöckeln zur Zeit des aufgeklärten Absolutismus, weil es keine direkte religiöse Übung war, nicht konkret verboten, zumindest scheint es in den Hirtenbriefen des Erzbischofs Hieronymus Colloredo nicht auf. Es ist aber anzunehmen, dass auch diese nächtlichen Umtriebe, gemeinsam mit den verbotenen, strenger gerügt und beobachtet wurden.

Ob die Almosenordnung gegen die Bettelei von 1754 darauf Einfluss hatte oder ob der Hirtenbrief vom 29. Juni 1772, der sich gegen alle Arten von „Un- und Aberglauben“ wendet, das Anklöpfeln beeinträchtigte, wissen wir nicht. Hans Moser nennt für Bayern mehrere abqualifizierende Schriften von Aufklärern, die darin Müßiggang, die Erziehung zu Bettelei und Gefräßigkeit, wie allerlei Möglichkeit zu Unfug und Unzucht feststellen. 1782 beschreibt der Akademieprofessor Lorenz Westenrieder – seine Aufzeichnungen sind frühe Quellen der Volkskunde – den Brauch für München nur noch als Gewohnheit der Kinder, Lehrjungen und armen Leute. 1796 soll Lorenz Hübner über die Glöckler berichtet haben (Nicht in Beschreibung II, 387, wie vielfach zitiert), Karl Adrian gibt in „Sitt‘ und Brauch“ einen angeblich schon von Hübner gefundenen Glöckelspruch aus dem Landgericht Werfen wieder.

1796 soll von Lorenz Hübner dieser Glöckelspruch aus dem Landgericht Werfen veröffentlicht worden sein:

(Nicht in Beschreibung II, 387, wie vielfach zitiert), Karl Adrian, Sitt‘ und Brauch. Wien 1924, S. 15:

Ihr meine lieben Brüder, steht’s zusamm in a Scheibn,

und so wolln ma a Bois‘ uns mit Singa verdreibn.

So gehen ma daher halt bey da Straßen,

daß ma nit zukehrn, das mögn ma nit lassen,

wohl unter der Haustür steht dort der Hauswirt,

so grüaßn ma zum ersten halt den ehrsamen Hauswirt.

Wohl an den fruahen Morgen, da fallet der Tau

Und grüaßen zum andern die ehrbare Hausfrau.

Wir grüaßen die Knecht, wir grüaßen die Dirn,

wir grüaßen das Kindlen, wohl inner der Wiagn.

O Du liaber Hauswirt das Grüaßen ist aus,

wann Du uns nit auftuast, gehen wir zu an andern Haus.

(wird nun aufgetan so wird weiter gesprochen:)

Wir wünschen dem Hauswirt viel Glück in das Haus,

das Unglück muß weit über d’Bergn hinaus.

Wir wünschen ihm Glück, wir wünschen ihm Segen,

wir wünschen ihm fruchtbaren Tau und auch Regen.

Wir wünschen ihm Glück, wir wünschen ihm Heil,

damit ihm das Glück wird alles zu teil,

so wünschen wir Glück ihm halt überall,

wir wünschen ihm Glück zu dem Vieh in dem Stall,

nun wollen wir das Wünschen beschließen,

es möchte Dich o Hauswirt das Zulosen verdrießen.

4.8.2.5. Romantik und Nationalisierung

1908 gab der „Bayerische Verein für Volkskunst und Volkskunde“ Fragebögen aus, die 45 Belegorte für teils sehr unterschiedliche Klöpfelbräuche einbrachten. Schon im 18. Jahrhundert begann im Zuge der Romantik die Suche nach heidnischen Wurzeln, die sich immer mehr mit Mittelalterbegeisterung und früher Rechtsgeschichte vermengte, wie Hans Moser darstellt. Der Aberglaube rund um das Klöpfeln, Losen und Wünschen stand im Zentrum des Interesses. Nach Dietz-Rüdiger Moser[931] führte auch die „Germanisierung“ der Klöpfelnächte als „Wotansnächte“ durch die Mythologenschule des 19. Jahrhunderts zu deren Verschwinden in weiten Teilen Europas.

Richard Wolfram zählt hier zu wesentlichen Vertretern, er suchte jeweils nach der „Altschicht“ der Bräuche, wie er es nach 1945 nannte. Er gab 1954 an die Salzburger Lehrerschaft Fragebögen aus und erhielt auch Schülerarbeiten von Richard Treuer, dem Direktor der landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen in Zell am See und Bruck an der Glocknerstraße. Auch wenn Wolframs Deutungen und Kommentare vielfach nicht mehr dem heutigen Verständnis von Wissenschaft entsprechen, so bringt seine Brauchtumsaufnahme im Lande Salzburg interessante Ergebnisse. Beim „Anglöckeln“ und „Glöcklngehen“ stellt Wolfram eine soziale und Altersschichtung fest: Tagsüber gehen die armen Leute (in kleinen Gruppen) und die Kinder, abends die, „die es wegen des Brauches“ tun, nämlich erwachsene Jugend, Dirnen und Knechte, sogar Bauersleute selbst in großen Gruppen.

Wolframs Aussage „wegen des Brauches“ ist heute nicht nachvollziehbar, denn er trennt Bräuche nach der mythologischen Schule in die für ihn tatsächlichen „Altbräuche“, hinter denen er germanische Kulte vermutet und jene, die später dazukamen, ältere ersetzten etc. – also alles, was er als klassisch-humanistische oder religiöse „Überformungen“ abtut. Er leugnet damit jede Wandlung von Bräuchen und spricht von Menschen als „Brauchträgern“ ohne jeden kulturschaffenden, kreativen Aspekt. Das ist eine Einschätzung, die heutigem Wissen widerspricht. So betont Wolfram die „Gebildbrote“ als Gabe für die Glöckler (ebenfalls eine Suche nach germanisch-kultischen Relikten) und das „mystische Dunkel der Nacht“ und die mit dem Glöckeln verbundenen Wünsche für Glück, Segen und gutes Gedeihen von Feldfrucht und Vieh. Auch der Maskierung legt Wolfram, auf der Suche nach den Verwandlungskulten in den „kultischen Geheimbünden der Germanen“ (O. Höfler), eine besondere Bedeutung bei, die über das Unerkannt-Bleiben und den Spaß der Maskierten hinausgeht. Das müssen wir heute zumindest als Zug seiner Zeit ablehnen.

4.8.2.6. Glöckler- und Perchtenkreuze

Richard Wolfram[932] suchte eine Verbindung zwischen Anglöcklern und Perchten herzustellen und damit den religiösen Aspekt des Anklöckelns auszuschalten. Er bezieht sich darauf, dass auch jene Personen, die bei Raufereien zwischen zwei Anglöcklergruppen – ebenso wie bei Perchtengruppen – erschlagen wurden, nicht im Friedhof, sondern nur unter sogenannten „Perchtenkreuzen“, unter Mahnmalen am Ort des Unglücks, begraben wurden. Marie Andree-Eysn[933] hat 46 Steinkreuze in Salzburg und im Rupertiwinkel mit den dazu erzählten Legenden 1897 beschrieben, bei 15 davon ist die Ursache der Errichtung bekannt. Sie sieht in ihnen Gedenksteine an Orten eines Unglücks oder Totschlages bzw. Sühnekreuze der Täter, wie sie etwa kirchliche Sühneverträge des Mittelalters, neben Seelgeräten und Wallfahrten, forderten.

Am Weg von Glasenbach zum Eglsee, in der Nähe des Sommerauer-Gutes fand sie ein Kreuz aus rotem Marmor, an dessen Ort 1798 ein Anglöckler erschlagen worden sein soll. Vermummte Glöckler bemerkten, dass sich der Teufel verkleidet unter sie gemischt hatte. Sie ergriffen und erschlugen ihn und merkten zu spät, dass sie an Stelle des Teufels einen aus ihrer Gruppe erwischt hatten – so berichtet die Sage dazu. Auch beim Kriechbaum-Gut in Oberwinkel war ein solches Marmorkreuz, unter welchem ein erschlagener Glöckler liegen soll. Bei Landsteg im Raurisertal steht ein Gneiskreuz von 1553, unter dem eine in der „Berchtenmaske“ verstorbene Person liegt.

Folgende Stellen nennt nur Wolfram als einstige Orte von Perchten- oder Glöcklerkreuzen, bei Andree-Eysn sind sie nicht vermerkt: Am Bürgl in Strobl, bei der Luisenquelle in Pfandl, in Ebensee und Langwies sollen solche Kreuze existiert haben. Die Sage verschleiert hier offenbar die Tatsache, dass Maskenläufe unter anderem ja auch Ventile allgemeiner sozialer Gerechtigkeit und Kontrolle waren bzw. sich in der Maske selbst außerhalb von Recht und Gesetz stellten. So kam es möglicherweise im Übereifer auch zu Mord und Totschlag. Die obrigkeitlichen Verbote aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts führen ebenfalls Raufhändel, Umtriebe und mangelnden Respekt vor der Obrigkeit an, wiewohl ihr Zusammenhang mit befürchteten Religions- oder Kriegsunruhen deutlich ist.

4.8.2.7. Heischen und Gabenbitten

Im Salzburger Gebirge haben sich Anklöcklergruppen, die die Herbergsuche darstellen, Klöpflergruppen, Klöpfler mit dem Rösslreiter (z. B. Fusch; ein Bezug auf einen älteren Nikolausbrauch?) sowie als Hirten gekleidete Gruppen von Kindern wie Erwachsenen erhalten. In den 1960er-Jahren hat die Autorin als Gast in Kaprun – gemeinsam mit ihrem Cousin und den Cousinen – an solchen Klöpflerzügen teilgenommen, die jeweils von Müttern kleiner Kinder in der Nachbarschaft zusammengestellt und herumgeführt wurden. Wetterflecke und Lodenhüte wurden dazu angezogen, zumindest ein Kind musste einen Bart haben. Wir sangen pro Haushalt zwei aus der Schule bekannte Adventlieder und dazu sprachen die Pinzgauer ihren Klöpfelspruch. Die Kletzen und Nüsse interessierten uns damals weniger als die in manchen Haushalten verabreichten und für uns noch seltenen kleinen Salzbrezeln und Salzstangerln. Dass dieser Brauch wichtig sei und von uns erwartet würde, nahmen wir mit Zufriedenheit auf.

Diese Anklöckler, wie andere Gabenbitter/Heischegänger (Sternsinger, Frisch-und-g’sund-Schläger etc.) auch, entspringen dem mittelalterlichen Vorrecht des Gabenbittens, das jenen Bevölkerungsgruppen zustand, die im Winter kaum ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, wie Hanns Koren[934] darlegte. Sie standen als Vertreter der Armen Seelen und erhielten das Vorrecht, durch ideelle Leistungen für die Gesellschaft (Singen, Beten, Ankündigen) ihr Brot zu verdienen. Matthias Koch schildert 1846 in seiner „Reise in Oberösterreich und Salzburg“ die Anklöckler: „Jeden Donnerstag im Advent erscheinen junge Burschen vor den Bauernhäusern und singen fromme Liedchen. Dafür reicht ihnen der Hauswirth Branntwein.“[935] Heute sind die Glöcklerzüge vielfach auch mit Adventandachten in den katholischen Pfarren verquickt. Oft treten sie im Laufe der Adventandacht oder des Adventsinges in den Kirchen ebenfalls auf.

Die Oberndorfer Anglöckler oder Adventsänger wurden 1925 vom Lehrer Rasp[936] im Zuge der „Brauchtumspflege und -erneuerung“ jener Zeit eingeführt und stilisiert, nahmen aber einen alten Heischebrauch der Schöffleute auf. Deren Drehkrippe aus dem 18. Jahrhundert – die Rasp als Vorbild diente – ist im Salzburger Museum Carolino Augusteum [heute: Salzburg Museum] erhalten. In Kraxe und Deckelkorb sammeln die Oberndorfer ihre Gaben – heute meist Geld und Süßigkeiten, die an Arme am Heiligen Abend verteilt werden –, früher Brot, Kartoffeln, Selchfleisch, Kletzen u. a. Der bayerische Heimatpfleger Hans Roth[937] hat die Entwicklung dieser Glöcklergruppe dokumentiert, die in der NS-Zeit wegen des Verbotes religiöser Lieder nicht auftreten durfte. 1945 sangen sie wieder und zwar zuerst vor den Verwundeten im Oberndorfer Lazarett. In der Zwischenkriegszeit besuchten die Oberndorfer Anglöckler auch den Salzburger Landeshauptmann und den Erzbischof. Dieses Adventansingen nahm mit dem Öffentlichwerden des Salzburger Adventsingens sein Ende. 1957 wurde die Gruppe in der heutigen Art eingekleidet.

In den Städten ist das Anklöckeln weitgehend unbekannt und hat auch – im Gegensatz zu den „Laternderlumzügen“ am Tag des heiligen Martin (11. November) keine Akkulturation oder Innovation erfahren. Eine interessante Darstellung über das Klöpfelsingen am Dürrnberg[938] und dessen Akkulturation in den Pinzgau gibt Johann F. Schatteiner.



[914] [MoserDR 1993], S. 651–666.

[916] [Franck 1534], f. 50v, vgl. 130v; Moser zitiert das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München.

[918] [Schmeller 1985], Bd. 1/2, Sp. 1337 ff.

[920] [Adrian 1924], S. 15–24. – [Adrian 1908], S. 72.

[921] [Hübner 1796], Bd. 2, S. 387. Der von Karl Adrian, Hans Moser und Richard Wolfram zitierte Glöcklerspruch aus Werfen findet sich nicht unter dieser Angabe!

[922] [Schmeller 1985], Bd. 1/2, Sp. 972.

[925] [Schmeller 1985], Bd. 1/2, Sp. 972 und Sp. 1337 ff.

[926] [Hübner 1796], Bd. 2, S. 387: Der von Karl Adrian, Hans Moser und Richard Wolfram so zitierte Glöcklerspruch aus Werfen findet sich nicht unter dieser Angabe! Insgesamt kommt Hübner nicht auf das Glöckeln zu sprechen: Almosenordnung ([Hübner 1796], Bd. 2, S. 471), Hirtenbrief 1772 ([Hübner 1796], Bd. 2, S. 387).

[928] [Franck 1534], f. 50v, vgl. f. 130v: [MoserDR 1993] zitiert das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München.

[930] [Adrian 1924], S. 15–24.

[931] [MoserDR 1993], S. 651–666.

[935] [Koch 1846], S. 308 f.

[937] [Roth 1977a], hier S. 20.

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