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4.10. Das Dürrnberger Klöckelsingen (Johann F. Schatteiner)

4.10.1. Kurztext

4.10.1.1. Das Dürrnberger Klöckelsingen in Vergangenheit und Gegenwart

Die historischen Wurzeln des Klöckelsingens am Dürrnberg lassen sich bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert verfolgen, die Sache selbst dürfte aber viel älter sein. Damals gab es das sogenannte Klöckelbeten, das vor private Haushalte führte. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde das noch heute gebräuchliche Klöckelsingen durch die aktiven Mitglieder des seinerzeitigen Kirchenchores eingeführt und bis zum Verbot im Jahre 1939 durch das NS-Regime ausgeübt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann man mit der Wiederbelebung des vorweihnachtlichen Klöckelsingens durch etwa fünf bis sechs sangesfreudige Aktivisten des Kirchenchores. In letzter Zeit übt diesen historischen Adventbrauch der 1989 gegründete „Dürrnberg-Chor“ mit zusätzlichen freiwilligen, nicht dem Chor angehörigen Sängern an den drei vorweihnachtlichen Donnerstagabenden in zwei Gruppen aus.

Das Liedgut erstreckt sich von den herkömmlichen Advent- und Weihnachtsliedern bis zu unbekannteren Kompositionen heimischer Sänger. Ab und zu werden die Klöckelsängerinnen und -sänger während ihrer nächtlichen Wanderung auch zum Verweilen in einer warmen Stube eingeladen und mit kleinen Köstlichkeiten bewirtet. Die Gruppen bestehen aus Maria und Josef, dem Wirt und den als Hirten verkleideten Sängern; sie geben die bekannte Szene der Herbergsuche wieder, wie dies schon Karl Adrian für Hallein für das Ende des 19. Jahrhunderts schildert.

4.10.2. Langtext

4.10.2.1. Das Dürrnberger Klöckelsingen

Die historischen Wurzeln des Klöckelsingens am Dürrnberg lassen sich bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert verfolgen, die Sache selbst dürfte aber viel älter sein. Damals gab es das so genannte Klöckelbeten, das in die Häuser und zu den Familien führte. Gebetet wurde, da es an Sängern gefehlt haben soll. An nähere Einzelheiten konnte sich mein Gewährsmann Johann Putz-Saggratzen (1891–1983) nicht erinnern. Als Hirten verkleidete Kinder sind singend und Flöten spielend von Haus zu Haus gezogen, um die Botschaft der Geburt Christi um eine kleine Geldspende anzukündigen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde das noch heute gebräuchliche Klöckelsingen durch die aktiven Mitglieder des seinerzeitigen Kirchenchores eingeführt und bis zum Verbot im Jahre 1939 durch das NS-Regime ausgeübt. Während des Nationalsozialismus besuchte der „harte Kern“ dieser Idealisten in der Adventzeit heimlich nur mehr gewisse vertrauenswürdige Familien.

„Das Anklöckeln wird in vielen Orten unseres Landes gepflegt, besonders an den Donnerstagen der Adventzeit. Die an alte germanische bzw. vorchristliche Lärmumzüge zur Vertreibung der Winterunholde erinnernden Klöckler ziehen meist an den Donnerstagabenden im Advent von Haus zu Haus, singen und tragen Gedichte vor. Eine Umdeutung des Brauches im Geist der Gegenreformation bezieht den Sinngehalt auf die Ankündigung der Geburt Christi. Heute sind damit auch Glückwünsche verbunden“. So hieß es noch 1999 im Brauchtumskalender der Salzburger Volkskultur[939], denn vielfach sind die Meinungen der NS-Zeit noch heute beliebte historische Anbindungen, über die sich viele keine Gedanken machen und an denen andere festhalten. (Neujahrs-)Glückwünsche werden heute am Dürrnberg nicht mehr vorgebracht, es wird nur mit der Herbergsuche die Geburt Christi angekündigt.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann man mit der Reorganisation des Kirchenchores und damit mit der Wiederbelebung des vorweihnachtlichen Klöckelsingens durch etwa fünf bis sechs sangesfreudige Aktivisten. Im Laufe der Jahre hat sich die Zahl der Sänger erhöht. Bis 1970 besuchten sie an den drei Klöckel-Donnerstagen fast alle Häuser in den vier Dürrnberger Ortsteilen Dorf, Plaick, Kranzbichl und Fischpeuntleiten.[940] 1953 hat in Konkurrenz mit dem Kirchenchor der 1952 gegründete Dürrnberger Knappenchor unter der Leitung von Fachlehrer Franz Penninger aus Hallein das Klöckelsingen einmalig übernommen und auch den oberen Winterstall in das von ihm begangene Gebiet mit einbezogen.[941]

In letzter Zeit übt diesen historischen Adventbrauch der 1989 gegründete „Dürrnberg-Chor“ mit zusätzlichen freiwilligen, nicht dem Chor angehörigen Sängern an den drei vorweihnachtlichen Donnerstagabenden in zwei Gruppen aus. Die Gruppen bestehen aus Maria und Josef, dem Wirt und den als Hirten verkleideten Sängern. Sie geben die bekannte Szene der Herbergsuche wieder, welche Karl Adrian für Hallein für das Ende des 19. Jahrhunderts schildert. Das Liedgut erstreckt sich von den herkömmlichen Advent- und Weihnachtsliedern bis zu unbekannteren Kompositionen heimischer Sänger. Ab und zu werden die Klöckelsängerinnen und -sänger während ihrer nächtlichen Wanderung zum Verweilen in einer warmen Stube eingeladen und mit kleinen Köstlichkeiten bewirtet.

Dass der jährliche Spendenerlös von rund 2.900 Euro wohltätigen Zwecken zugeführt wird, hat Tradition. So konnte beispielsweise den ärmsten der Mühlbacher Knappenfamilien durch den Ankauf von Textilien und Stoffwaren geholfen werden, als der Kupferbergbau im Jahre 1931 überraschend stillgelegt wurde. Weiters wurde in Not geratenen Dürrnberger Knappenfamilien geholfen. Auch für die Errichtung des neuen Kriegerdenkmales und für die Anschaffung von drei neuen Glocken für die Kirche wurde 1955 gespendet. In den letzten Jahrzehnten lag der Schwerpunkt der Aktionen in der Unterstützung zur „Rettung Maria Dürrnbergs“, der notwendigen Renovierung der Knappenkirche.

Frau Elsa Primetshofer (geborene Ebner), die Tochter der Dürrnberger Heimatdichterin Maria Ebner-Lindner, brachte im Jahr 1947 – als junge Lehrerin – den Dürrnberger Klöckelbrauch nach Dienten am Hochkönig. Sie wollte auf diese lieb gewordene Gewohnheit nicht verzichten und übte den Brauch mit ihren Schulkindern ein. Das Klöckelsingen fand dort sofort gute Aufnahme und hat sich bis heute erhalten.[942]

4.10.2.2. „Erinnerungen an das Klöckelsingen am Dürrnberg und im Rupertigau“

Im Anschluss an die Darstellung von Johann F. Schatteiner gibt Frau Siglinde Gefahrt-Lindtner (geb. 1922) ihre „Erinnerungen an das Klöckelsingen am Dürrnberg und im Rupertigau“ wieder.

Mit 14 Jahren, erstmals im Jahre 1936, bin ich mit dem Kirchenchor mitgegangen. Die Sänger waren als Maria, Josef, Wirt, Hirten und Hirtinnen verkleidet. Wir waren damals ca. sieben bis neun Sänger. Die erste Klöckelnacht wanderten wir singend durch die Plaick, am zweiten Klöckel-Donnerstag sangen wir im oberen Dorf, Kranzbichl und Gmerk und in der dritten Nacht suchten wir das untere Dorf und die Fischpeuntleiten, bis zur Lerchnervilla, auf. Ab und zu bekamen wir eine Jause oder Tee und Kekse. Meistens kamen wir erst um zwei Uhr früh wieder heim. Nur einmal weiß ich, dass wir vorzeitig aufhörten. Es goss in Strömen und ein fürchterlicher Sturm tobte.

Dieses Klöckelbeten und -singen an den drei Donnerstagen vor dem Heiligen Abend ist am Dürrnberg und im bayerischen Rupertigau sowie im grenznahen bayerischen Oberau gebietsweise üblich, aber in den anderen Tennengauer Orten nicht bekannt. Der Kirchenchor ging von ca. 1955 bis 1999 von Haus zu Haus, heute sind es nur noch die Kinder. Als der Kirchenchor das Anklöckeln in der Zwischenkriegszeit übernahm, wurden Lieder gesungen, die vom Liedersammler Martin Hölzl und Professor Dr. Franz Göschl 1924 unter dem Titel: „Gott grüaß enk Leutl“ herausgegeben wurden. Diese Lieder waren bei uns zum Teil bereits bekannt. Außerdem wurden Lieder des Komponisten Romed Plank, Oberbergmeister i. R. (1874–1949) wie „Sternlein von Bethlehem“, „Erfreue dich Jerusalem“ u. a. gesungen, die bis heute in keinem Liederbuch verzeichnet sind. Die Einnahmen bzw. Spenden wurden immer für wohltätige Zwecke verwendet, in den 1930er-Jahren etwa für die von der Stilllegung des Kupferbergbaues Mühlbach am Hochkönig betroffenen Knappenfamilien und die Hüttenarbeiter von Mitterberghütten und Dienten, aber auch für in Not geratene Gemeindemitglieder.

Nach dem Anschluss an das Dritte Reich, 1938, wurde das Anklöckeln verboten. Wir sangen dann in der Pfarrkirche abends an den drei Donnerstagen. Einmal wagten wir zu dritt, trotz strengen Verbotes, bei einigen Häusern zu singen. Die Auswahl war klein, denn wir mussten sicher sein, dass wir nicht verraten werden. Die Freude war bei den Leuten, denen diese Ehre zuteil wurde, besonders groß. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man wieder ungehindert den alten Brauch des Klöckelsingens weiterführen. Es gab allerdings Schwierigkeiten mit dem 1952 neu gegründeten Dürrnberger Knappenchor. Einige Sänger bestanden darauf, dass ihre Mitglieder weder beim Kirchenchor noch beim Anklöckeln mitsingen dürften! Mein Ehemann (Franz Gefahrt, geb. 1921) war Sänger beim Knappenchor und machte trotzdem auch bei den Anklöcklern mit, sodass man wenigstens einen männlichen Josef und einen Bass hatte.

Der Knappenchor ging 1953 auch einmal Anklöckeln, sie hatten einen Nikolaus (Hans Köppl) mit, die Leute lachten. Die Maria war Liesl Treml, vom Schröcken. Der Erlös wurde für die Errichtung eines neuen Kriegerdenkmales gespendet. Nach 1945 gingen auch Kinder anklöckeln. Es gab damals kein Taschengeld und so verdienten sie für Christgeschenke etliche Schillinge. Seit ca. 1962 ziehen die als Hirten verkleideten Kinder auch Flöten spielend von Haus zu Haus. Aus den Anklöcklern entwickelte sich 1989 der „Dürrnberg-Chor“, der bei kirchlichen und weltlichen Feiern alle erfreut und weiterhin den alten Brauch des Anklöckelns ausübt. Die Spendengelder werden zurzeit für die Renovierung und Erhaltung unserer Kirche am Dürrnberg verwendet.



[940] Siglinde Gefahrt-Lindtner, geb. 1922.

[941] Elisabeth Lienbacher, geb. 1933 Schröcken.

[942] Interview von Herrn Johann Schatteiner mit Frau Primetshofer im Dezember 2001.

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