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4.16. Der Adventkranz (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

4.16.1. Die Entstehungsgeschichte des Adventkranzes

Der Vorabend des ersten Adventsonntages wird in den katholischen Pfarren mit einer Andacht und der „Adventkranzweihe“ (benedictio = Besprechung zum Guten, Gutheißung, d. i. eine Segnung, die seit den 1940er-Jahren existiert) begangen. Der Adventkranz wurde 1839 in Hamburg vom evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern (1808–1881) in seiner grundsätzlichen Idee erfunden. Er verbreitete sich rasch als Symbol für die Ankunft Christi, dem „wahren Licht, das in der Finsternis leuchtet“ (Joh 1,5), wie es in der Perikope (Bibeltext als Tageslesung für die Messe) zum ersten Weihnachtstag heißt.

Wichern, der Begründer des Diakoniegedankens, hatte in Hamburg-Horn 1833 das „Rauhe Haus“[1223] zur Betreuung sozial gefährdeter Jugendlicher ins Leben gerufen. Dort hängte er 1839 einen Holzleuchter mit vier großen weißen Kerzen für die Adventsonntage und 19 kleinen roten Kerzen für die Werktage auf. In den 1850er-Jahren wurde der Kranz dann mit Reisig geschmückt und die Idee medial verbreitet.

4.16.2. Bildgebärde und halbsakraler Brauch

Bereits die Umfragen zum „Atlas der Deutschen Volkskunde“ 1928 zeigten eine weitreichende Verbreitung des Adventkranzes vom protestantischen Norden in den katholischen Süden sowie verschiedene Vermischungen mit anderen festlichen Grün- und Lichterbräuchen, die nicht ausschließlich mit Advent oder Weihnachten in Zusammenhang standen. Rund um 1900 bemühte sich Georg Rietschel (1842–1914) in Berlin von katholischer Seite um die Einführung von Adventbäumchen und -pyramiden, die keinen großen Anklang fanden. Auf ihn soll die Idee des Kranzes mit vier Kerzen für die Adventsonntage zurückgehen. Die NS-Zeit führte diese Idee in ihren Julpyramiden mit den Äpfeln weiter.

Im Ersten Weltkrieg wurde der Adventkranz in den deutschen Lazaretten zum überkonfessionellen Symbol der Hoffnung. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm ihn die deutsche Jugendbewegung auf und verband das Symbol mit sentimentalischer Naturbegeisterung und Erneuerung der Natur. Auch die Züge der Kunstgewerbeerneuerung wie der bildnerischen Erziehung kamen um die Jahrhundertwende dazu.[1224]

Das heutige Salzburger Benediktionale (Sammlung der Texte für Segnungen) sieht den Adventkranz als „Zeichen der Hoffnung, dass nicht Dunkel und Tod, sondern Licht und Leben siegen werden“ durch die Menschwerdung Gottes. In der katholischen Kirche gab es mehrere Überlegungen zur Farbgestaltung. Die Bekannteste nennt, den Kirchenfarben folgend, drei violette Kerzen für die gewöhnlichen Sonntage und eine rote bzw. rosafarbene für den „Sonntag Gaudete“, „Freuet Euch“. Aber auch rote Kerzen und violettes Band oder weiße Kerzen mit rotem Band sind vielfach vertretene und in den Kirchen sichtbare Varianten.

4.16.3. Der Adventkranz in der Volkskunde

Hermann Bausinger[1225] hat 1971 den Adventkranz zum Ausgangspunkt genommen, um eine den gegenwärtigen kulturellen Wandlungen und Verknüpfungen, Akkulturationen (Zuwanderungen) und Neudeutungen von Bräuchen und Symbolen wie ihren einzelnen Bestandteilen entsprechende Darstellung durch die Volkskunde/Europäische Ethnologie aufzuzeigen.

Für die Entstehung des Adventkranzes heißt das, dass durch eine Innovation (Neueinführung; 1839 erfindet Johann Hinrich Wichern den Adventkranz in seiner grundsätzlichen Idee) in unterschiedlichen Verwendungen vorhandene Symbole (Lichter, Grün, Termin)[1226] zusammengefügt wurden. Schließlich entwickelte sich die Kranzform heraus, die durch ältere Formen von „Christ- und Lichterkronen“ (z. B. Verbot 1711 in Berlin) bereits bekannt war. Als Innovation ist die Widmung des neues Symbols für die Adventzeit zu bezeichnen. Im Laufe der Zeit prägte sich das Symbol in seiner Form immer weiter aus (Festlegung der runden Form in Kombination mit Tannengrün, Fixierung einer definierten Anzahl von Kerzen – vier Stück).

Die rasche Verbreitung erfolgte über die Stränge: protestantische Gemeinden, deutsche bündische Jugendbewegung (auch in Richtung Österreich und Schweiz) und schließlich über die Lazarette des Ersten Weltkrieges. Bildungs-, Kunsterneuerungstendenzen, wirtschaftliche Faktoren und modische Aspekte taten das ihrige – besonders in den Städten und Industriegebieten – zur raschen Ausbreitung dazu.

4.16.4. Die Erhebung kultureller Prozesse

In seiner Kritik[1227] der Kartierung der Verbreitung im Atlas der deutschen Volkskunde zeigt Hermann Bausinger auf, dass grundsätzlich quantitative Erfassungen und Kartierungen nicht die ideale Methode zur Darstellung kultureller Prozesse sind und sich daher viele offene Fragen ergeben. So ergab erst eine nähere Interpretation der Ausbreitung des Adventkranzes viele Hinweise auf ältere Herrschafts- und Religions- sowie moderne Verwaltungszugehörigkeiten, Wirtschafts- und Bildungsverbindungen der einzelnen Gebiete. Auch die konkrete Verwendung des Adventkranzes (ob in Schulen oder Kirchen, zur familiären Andacht, auf Gräbern) und Gebrauchssituation (als Dekoration, zur Andacht, Andachts- und Verwendungszeiten) kommt erst durch detailliertere Befragungen zutage.

Wichtig bei der Erforschung von Bräuchen und Symbolen in einer multikulturellen Gesellschaft wird auch die Frage nach dem „Funktionsäquivalent“ (Bedeutungsgleichheit), denn sie zeigt, ob neue Formen ältere ersetzen oder diese verändert weiterführen. So schreibt Bausinger: „Mit Brauch ist meistens die Vorstellung historischer und sozialer Omnivalenz verbunden, das heißt, man unterstellt stillschweigend und auf Befragen auch einmal ausdrücklich, daß es den Brauch ‚schon immer‘ gegeben habe, und daß [...] ‚alle‘ daran teilhaben.“ Genau das ist auch bei der Fragebogenaktion „Weihnachtsbräuche in Salzburg (2001/02)“ geschehen. Erst die detaillierte Behandlung der einzelnen Antworten ergab dann eine deutliche Differenzierung der Arten, der Verwendungszwecke und der Bedeutungen der allseits vermerkten Adventkränze für die einzelnen Benützenden.

4.16.5. Adventkranz als Dekor

In der Fülle der profanen, jahreszeitlichen Zeichen der Konsumgesellschaft hat der Adventkranz einen herausragenden Platz. Den Moden und Gruppen„geschmäckern“ folgend, erfährt er jedes Jahr wieder neue Ausgestaltungen und wird seit Jahren auch – als Akkulturation (Zuwanderung/Übernahme) über Frauenzeitschriften, Bastelkurse und die Floristen – als Türkranz verwendet. Wie der Christbaum ist er auch Menschen ohne religiöses Bekenntnis ein unverzichtbares Requisit, das Ruhe, Besinnung und die Werte zwischenmenschlicher Kommunikation ins Bewusstsein ruft.

In den letzten Jahrzehnten halten in Salzburg viele Formen des vor- und weihnachtlichen Grünschmuckes Einzug – besonders skandinavische und angelsächsische – und erfahren modische Gestaltungen. Die bürgerliche Weihnachtsromantik des 19. Jahrhunderts mit Keksen, Glühwein und Karitativmärkten ebenso wie der literarisch entstandene Weihnachtsmann prägen heute mehr die Adventzeit als die traditionell alpenländischen und/oder kirchlichen Bräuche. „Im Jahreslauf der Bürofolklore“, wie sie Helga Maria Wolf[1228] bezeichnet, bilden Adventkranz- und Weihnachtsfeiern einen zentralen Punkt der Mitarbeiterkommunikation, deren Dekorationen aber ebenso den ständig wechselnden jährlichen „Musts“ und „in- und out-Listen“ folgen.



[1223] Johann Hinrich Wichern gründete 1858 das Evangelische Johannisstift Berlin und 1860 das Waisenhaus Berlin-Tegel.

[1226] Siehe z. B. [MoserDR 1993], S. 78 ff.

[1228] [WolfHM 2000], S. 279 f.

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