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5.3. Kramperl, Perchten u. a. Drohgestalten (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)

5.3.1. „Frau Berchte“ – „Schönperchten“ – „Krampusperchten“

Hinter dem Namen „Percht“ verbergen sich drei höchst unterschiedliche Gestalten und Bräuche, die oft zum heiligen Nikolaus gar keine Beziehung haben. Seit dem frühen Mittelalter ist die „Frau Berchte“ nachweisbar, die am Vorabend des Dreikönigstages auftritt, das Wohlverhalten prüft, belohnt oder bestraft – wie etwa die Schnabelperchten in Rauris oder die Perchten im Lungau. Sie ist nach heutigem Wissen eine katechetische Figur[1305] der katholischen Kirche, die ab dem 8. Jahrhundert entstanden sein soll. In mittelalterlichen Schriften taucht die Frau Percht – im Mönchsgewand, mit der langen Nase – unter den Arbeiten der Mönche[1306] auf. Weiters sind die „Schönperchten“ zu nennen, Karnevalsgruppen, die Einflüsse aus mittelalterlichem Tanz und Spiel, dem italienischen Theater wie dem venezianischen Karneval zeigen.

Das jüngste Genre sind die „Kramperlpassen“ – neuerdings auch „Perchtenpassen“, die sich unter diesem Namen erst seit 1900 entwickelt haben und seit den letzten 20 Jahren auch als „Krampusperchten“ Ausformungen finden. Die „Krampus- wie Perchtenläufer“ sind männliche Teufelsgestalten, die zwischen dem 5. und 23. Dezember auftreten. Sie tragen Kostüme aus Schaffellen und Ledergürtel mit einer großen Kuhglocke oder mehreren kleinen Schafglocken. Die großen, oft kostbaren Holzmasken[1307] zeigen teuflische oder animalische Züge. Heute gleichen sich die (Kautschuk-)Masken vielfach medialen Vorbildern aus der Szenerie der „Außerirdischen“ und „Aliens“ an. Mit Ketten und Peitschen bewaffnet, rasseln die Perchten und schlagen wild um sich, sie sind eine grölende, drohende Meute, die plötzlich auftaucht, durch die Gassen rast und ebenso schnell wieder verschwindet.

5.3.2. „Krampus- und Perchtenläufer“

Heute präsentiert sich der „Perchtenbrauch“ in vielerlei Gestalt. Seine Pole sind Traditionspflege und Kommerz, dazwischen liegen atavistische Sehnsüchte, Vergnügen der Jugendlichen, Publikumsbelustigung und touristisches Spektakel. Heute stehen sich auch Krampuspassen und Perchtenpassen mit verschiedenen Selbstdefinitionen gegenüber, die nicht kategorisierbar, wissenschaftlich überprüfbar oder untermauerbar sind.

Heftige Debatten entwickeln sich zwischen den meinungsbildenden Gruppen über die Art und Größe der Kostüme und Masken, ob diese „traditionell“ oder handgefertigt sein sollten, ob sie modisch, aus Kautschuk, Plastik oder beleuchtbar sein dürfen, ob Ketten, Ruten oder Kuhschwänze mitzuführen bzw. zu verwenden seien. In diesen Fragen zeigen sich die identifikatorischen Meinungen und Symbole der einzelnen Gruppen, ihr Selbstverständnis und die Einschätzung ihres Tuns als Traditionspflege bzw. als jahreszeitliches Spektakel im öffentlichen Raum oder auf der Bühne.

„Heiße Eisen“ stellen auch die Fragen nach der Kommerzialisierung bzw. nach Auftritten bei Partys und Events dar. Die Bandbreite von gänzlicher Ablehnung bis zu dahin gehender Werbung ist groß. Während die einen wenigen seit Jahrzehnten immer dieselben Termine und Orte für ihre Läufe wahrnehmen, werben andere mit Internetseiten[1308] und in touristischen Prospekten. Zu langen Streitgesprächen führt auch die Frage, wie ein „Krampus“ im Gegensatz zur „Percht“ zu definieren sei.

5.3.3. „Krampus“, „Percht“ oder „Krampuspercht“?

Lange Debatten löst bei den Brauchausführenden die Frage aus, wie ein „Krampus“ im Gegensatz zur „Percht“ zu definieren sei. Hier haben sich, außerhalb aller Nachvollziehbarkeit durch die Wissenschaft, eigene Definitionen, angelehnt an die Vorgaben Kuno Brandauers, entwickelt, die den ausübenden Vereinen großteils als unumstößlich gelten. Daran ist weder mit Büchern noch mit Archivalien zu rütteln, denn die gruppenimmanenten Bewertungen und Begründungen gehören zum Kern der Identifikation. So erzürnt auch der von der Autorin aus Tourismuswerbung und Medien übernommene neue Ausdruck „Krampusperchten“ die Gruppe der Perchtenläufer stets erneut, denn ihr Bedürfnis nach Ausübung eines „althergebrachten heidnischen Kultes“ oder nach „Wahrung der Tradition“ und damit die Abgrenzung zu den von ihnen als „neu“ apostrophierten Krampuspassen scheint damit gefährdet.

Eines zeigt sich auch an dieser Entwicklung deutlich: Bräuche sind nicht statisch, sondern sie wandeln sich stets mit den Bedürfnissen der Menschen, die sie gebrauchen. So entstehen unabhängig von historischem Faktenwissen stets neue Formen und Ausdeutungen, die nicht immer ältere Formen ersetzen, sondern neuen Zwecken und Bedürfnissen Raum und Form geben. Jede dieser Neuheiten wäre in Einzelstudien gesondert zu erheben und zu interpretieren und würde jeweils andere Aspekte, Hintergründe und Entstehungsgeschichten aufweisen.

5.3.4. Passen, Events, Übergriffe

Zwischen den älteren und sich als „traditionell“ bezeichnenden Krampus- wie Perchtenpassen und den frei entstehenden neuesten Gruppierungen gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Art der Auftritte. Während die sich „traditionell“ Bezeichnenden großen Wert auf Auftritte im Rahmen der für sie „brauchtümlichen“ Termine legen, ein geordnetes und angemeldetes Auftreten für notwendig erachten und jegliche Gewalt ablehnen (Drohung nur dort, wo das Gegenüber mitspielen will), kommt es, so zeigen es Zeitungsberichte und vielmehr Aussagen etwa in Podiumsdiskussionen, vereinzelt im Zuge von Events wie bei „frei“ in den Parks laufenden Kramperln, auch zu Übergriffen. Volksschulen geben zu einem großen Teil in den Wochen vor und nach Nikolaus Zettel an die Eltern aus, mit der Aufforderung, Kinder vom Nachmittagsunterricht abzuholen, bzw. lassen den Nachmittagsunterricht in dieser Zeit entfallen.

Heute schließen sich Burschen zu folkloristischen wie kommerziellen Krampuspassen und/oder Perchtenpassen in Vereinen zusammen, es gibt sogar Wettbewerbe und Preisvergaben für besonders prächtige, „echte“ oder groteske Masken. Jugendliche haben große Freude an diesem Spiel und sogar kleine Buben laufen als Kramperl und Perchten durch Gassen und Parks, läuten die Glocken und erschrecken die Passanten. Es gehört zu diesem Spiel, dass das Publikum – besonders die jungen Mädchen – die Krampusse neckt und verspottet und dann kreischend und schreiend davonläuft, wenn diese (bedacht!) drohen und um sich schlagen.

5.3.5. Nikolaus und Krampus als Paar

Früher (besonders zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert) war das Auftreten der Krampusse an den heiligen Nikolaus gebunden, die Masken überschritten kaum die natürliche Körpergröße, die Kostüme waren aus Stoff, Fell, Papier und Pappmaschee – die Gestalt des Teufels stand im Vordergrund. Die Kette der Kramperl ist ihr einstiges Attribut als gefallener und in der Hölle angeketteter Engel Luzifer. Aus diesem Grunde hatten in vergangenen Jahrhunderten die Kramperl oft auch Flügel.

Die Frage nach der mit diesen Spielen und Bräuchen innerhalb der katholischen Kirche verbundenen Drohung und Sanktion hat Religionspädagogen und -psychologen im 20. Jahrhundert vielfach beschäftigt und ist auch nicht pauschal zu beurteilen. Kirchlicherseits gibt es heute in den Pfarren häufig die Möglichkeit, einen Nikolaus (meist ohne Krampus) ins Haus kommen zu lassen. In den 1960er-Jahren waren die Paare Nikolaus und Krampus noch häufiger. Ebenso finden in vielen Pfarren, Kirchen und Volksschulen Nikolausandachten mit einer Bescherung für die Kindergarten- und Volksschulkinder statt, bei denen sich Geistliche oft vor den Kindern als St. Nikolaus verkleiden und auch über das Leben dieses großen Heiligen berichten.

5.3.6. Einst waren die „Perchten“ Teufel im Nikolausspiel

Bayerische Ethnologen, Dietz-Rüdiger Moser und Hans Schuhladen, zeigten aus historischen Quellen den Wandel der Perchtenläufe auf. Im Mittelalter förderte die Kirche religiöses Predigttheater und tolerierte die daraus entstehenden Bräuche. Der „Erzheilige“ und Nothelfer St. Nikolaus war als Belohner der guten Kenntnisse in der religiösen Lehre im Mittelalter von großer Bedeutung. Die Vorläufer der heutigen Krampusperchten waren, unter dem Namen „Teufel“, die Begleiter des heiligen Nikolaus. Sie bestraften im Nikolausspiel am Vorabend des 6. Dezember. Sie drohten die Strafe an und waren Beispiel für die ewige Verdammnis der Unbekehrbaren.

Seit dem 17. Jahrhundert traten sie langsam aus dem religiösen Kirchen- und Stubenspiel heraus und formierten sich zu einem neuen Genre, vorerst über komische und bedrohliche Teufelsszenen im Spiel. Doch bis ins 20. Jahrhundert traten sie immer noch unter dem Namen Teufel mit dem heiligen Nikolaus auf. (Eine theatralische barocke Teufelsgestalt ist als „Brixentaler Teufel“ im Innsbrucker Volkskunstmuseum erhalten.)

Vom 17. Jahrhundert an wurden solche Volksbräuche immer häufiger von kirchlicher und weltlicher Obrigkeit verboten. Man hielt sie für unzeitgemäß und sah in ihnen Anlass für ungehörige Späße, Streitigkeiten und Unmoral. Früher waren „schöne“ wie „schiache“ Perchten auch ein Element der sozialen Kontrolle im Faschingsbrauch. Sie rügten die Sitten der Bevölkerung, zeigten ungehörige Liebesaffären auf und bestraften geizige Bäuerinnen und zu strenge Dienstherren. Oft stellten sie auch der Obrigkeit „die Rute ins Fenster“, sodass Aufstände befürchtet wurden.

5.3.7. Bräuche – verboten und verklärt

Im Zeitalter der Aufklärung sah man in Bräuchen einen Ausdruck der Unbildung des Volkes – „heidnisch als eines wahren Christenmenschen unwürdig“ – sowie eine Untergrabung von Sitte und Ordnung. Kaiser Joseph II. und in der Folge der Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo erließen strenge Verbote. Doch, wie viele Anzeigen und Verbote zeigen, fanden die Bräuche weiter im Geheimen statt, wandelten sich stetig und verschwanden schließlich ganz. Um 1900 dann entdeckten und überformten folkloristische, soziale und wirtschaftliche Bestrebungen die Bräuche wiederum. Man sieht, dass jede Epoche ihre eigene Form gefunden hat und ihre eigenen Sehnsüchte, Meinungen und Herleitungswünsche hineinlegte.

Erst die Heimatkundler und Laienforscher des 19. und 20. Jahrhunderts haben die drei Erscheinungsformen, die heute „B/Percht“ genannt werden, vermischt: nämlich die „Frau Berchte“, eine Herrscherin über Leben und Tod, die am 5. Jänner in aller Stille erscheint (sie kommt vermutlich aus der katholischen Katechese[1309] des 8. Jahrhunderts), dann die prächtigen „Schönperchten“ des Karnevals mit ihren „schiachen“ Begleitern und das Teufelsgefolge des heiligen Nikolaus. Heute ist man der Meinung, dass sich bereits seit dem 17. Jahrhundert in Salzburg der Name „B/Percht“ zum Synonym für Maske ausbildete. Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert fand eine langsame Übertragung des Namens und eine Vermischung der Formen statt. Die nationalen Romantiker des 19. Jahrhunderts wollten schließlich naturmythische und germanische Wurzeln darin finden und sahen in den dunklen Gestalten „Wotans Heer“.

5.3.8. Tradition und Eventkultur

Nach der Landfluchtbewegung im 19. Jahrhundert suchten abgewanderte Bauernsöhne, nun als kleine Angestellte in den Städten, nach ihrer bäuerlichen Identität und gründeten folkloristische Vereine. Sie erneuerten und veränderten die Reste alter Bräuche und Volksspiele und versahen sie mit den Inhalten langer Tradition. Ähnliches passierte wenige Jahrzehnte davor in der Oberschicht, die die exotische Welt[1310] der eigenen Landesbevölkerung in den entlegenen Tälern entdeckt und eine Vorliebe für Tracht und Brauch entwickelt hatte.

Schließlich wuchsen die Masken seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ins immer Riesenhaftere – ebenso wie alle Erscheinungen der „Imaginerie populaire“ („Volkskunst“) und der Bräuche dies im medialen Wettstreit in den Städten taten – und die Auslegung ihrer Inhalte änderte sich dabei historisierend und folklorisierend. Auch die teuflischen Züge der Krampusperchten übersteigerten sich immer mehr in jene archaischer Monster. Nicht nur die industriell erzeugten Masken, auch jene der Schnitzer in der Region zeigen teuflische Züge oder solche von Aliens. Feuerwerke und Scheinwerfer, Lautsprecherbeschallungen und Theaternebel sind vielfach Bestandteile von Krampusevents geworden.

In Stadt und Land Salzburg existieren derzeit über 180 eingetragene Krampus- und Perchtenpassen (Stand 2002) mit unterschiedlichen Zielen. Landesbürger wie Touristen lassen sich kaum eine Gelegenheit entgehen, an einem Krampuslauf teilzunehmen. Heute haben diese Läufe eine breite Streuung zwischen katholischem Gedenktag für Kinder, Erhaltung von Tradition, Kulturgestaltung, Tourismus, Kommerz und Eventkultur. Es bleibt der Verantwortung der einzelnen Gruppen überlassen, ihre Vorstellungen und Ziele darin zu verwirklichen.



[1305] Katechetische Figur: eine der Verbreitung der Lehre dienende Figur.

[1306] ÖNB Ink 18.F.1 von 1486.

[1307] Hörner von Ziegen, Schafböcken, Kühen, selten von Steinböcken krönen diese Masken. Je nach Art und Anzahl der Hörner kosten die Masken zwischen 700,-- und 7.000,-- €.

[1308] Die „schwarzen Schafe“ locken mit sexistischen Witzen und führen in den Randbereich von „sex and crime“.

[1309] Die „Frau Berchte“ als katechetische Figur ist eine der Verbreitung der Lehre dienende Figur.

[1310] Dieses Interesse löste die Begeisterung für Chinoiserie und Historismus ab.

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