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Kapitel 3. Weihnachten gestern und heute

Inhaltsverzeichnis

3.1. Das Weihnachtsquartal – eine neue Jahreszeit (Konrad Köstlin)
3.2. Die Geschichte des Weihnachtsfestes (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
3.3. Weihnachten im Salzburg des Marcus Sitticus. „Seitemal IHFG das neugeborne Christkindlein mit trifachen Geschank verehrt und begabt.“ (Werner Rainer)
3.4. Das Weihnachtsfest im gesellschaftlichen Wandel seit 1800 (Robert Hoffmann und Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
3.5. Die Klassiker der Weihnachtsliteratur (Eva Steindl)
3.6. Weihnachtsanthologien (Gabriele Rieder)
3.7. Fragebögen und Interviews zum Weihnachtsfest (Johanna Moser)
3.8. Fragebögen, „Brauchtumspflege“, Erinnerungen (Claudia Resch)
3.9. Das Weihnachtsfest im bäuerlichen Milieu (Ruth Spaller)
3.10. Autobiografische Literatur (Ingrid Steindl)
3.11. Das Weihnachtsfest in Salzburger Tageszeitungen 1. Das Zeitungswesen vor dem Ersten Weltkrieg (Alexandra Huber)
3.12. Das Weihnachtsfest in Salzburger Tageszeitungen 2. Das Zeitungswesen während des Ersten Weltkriegs (Falko Feitzinger)
3.13. Das Weihnachtsfest in Salzburger Tageszeitungen 3 (Kerstin Klostermann)
3.14. Weihnachten in Gastein – zwischen Landwirtschaft und Tourismus (Astrid Zwicker)
3.15. Weihnachten im Seniorenheim (Doris Weiss und Nicole Wimmer)
3.16. „A Christmas Carol“ im Film (Stefan Stingl)
3.17. Weihnachten früher – Die Alten erzählen. Großeltern aus dem Abtenauer Becken erzählen ihre Kindheitserinnerungen, Enkel schreiben sie auf (Maria Katharina Aschaber)
3.18. Weihnachten heute – Die Kids erzählen. Schüler/innen aus dem Abtenauer Becken schreiben über ihre Weihnachtserlebnisse (Maria Katharina Aschaber)
3.19. Weihnukka. Zwischen Assimilation und Vertreibung – Erinnerungen deutscher und österreichischer Juden an Weihnachten und Chanukka (Helga Embacher)
3.20. Nationalsozialistische Weihnacht. Die Ideologisierung eines Familienfestes durch Volkskundler (Esther Gajek)
3.21. Braune Weihnacht. Die nationalsozialistische Vereinnahmung des Weihnachtsfestes (Christoph Kühberger)
3.22. Die Geschichte des Salzburger Christkindlmarktes (Ewald Hiebl)
3.23. Historische Christkindlmärkte (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
3.24. Christkindlmarkt zwischen Atmosphäre & Konsum. Der Salzburger „Christkindl-Markt“ heute: Ein Ort für Atmosphäre-, Stimmungs- und Genusskonsum? (Reinhard Bachleitner und Mynda Schreuer)
3.25. Die Entwicklung des Christbaumes (Ulrike Kammerhofer-Aggermann)
3.26. Die Geschichte des Weihnachtsbaumes (Stephan Bstieler)
3.27. Silvester und Neujahr (Helga Maria Wolf)

3.1. Das Weihnachtsquartal – eine neue Jahreszeit (Konrad Köstlin)

3.1.1. „Äpfel, Nüss’ und Mandelkern ...“

Wenn es draußen noch warm ist – in Supermärkten, Drogeriemärkten und Parfümerien ist Anfang Oktober bereits Weihnachten. Die Weihnachtsmänner aus Schokolade, die keine Bischofs-Nikoläuse mehr sind, die Dominosteine, Pfefferkuchen und alle Arten von Weihnachtsgebäck sowie niederländischer Spekulatius, Christstollen, Aachener Printen und Nürnberger Lebkuchen sind schon aufgebaut und erinnern uns an die fälligen Vorbereitungen fürs große Fest. Es ist die Jahreszeit der Datteln und Feigen, der Orangen und Sultaninen sowie der Nüsse aus aller Welt, die wir mit Weihnachten verbinden. „Äpfel, Nüss’ und Mandelkern, essen kleine Kinder gern ...“.

Es ist die Jahreszeit der Geschenkpackungen in den Parfümerien und Papeterien (so nennen sich heute die Papierwarenhandlungen). Sie bieten dekorative Schachteln und buntes Papier zur Verpackung der Weihnachtsgeschenke an, auch geschnitzte Krippenfiguren, Glaskugeln, Kerzen, Christbaumschmuck, und neue und ältere Weihnachts-CDs stehen in den Regalen. Die Musikproduktion findet für jeden Geschmack einen passenden Gast fürs Fest: „Weihnachten mit Peter Alexander“, „Christmas mit Nat King Cole“, mit Luciano Pavarotti oder Frank Sinatra, Weihnachten mit den Kastelruther Spatzen oder mit Tobi Reiser d. Ä. und dem Salzburger Adventsingen. Weihnachten, so scheint es manchmal, muss etwas mit den Alpen zu tun haben, so erzählen uns die Bilder, und auch die authentisch genannte Volksmusik, deren Echtheit von Experten bestätigt wird, ist gefragt.

3.1.2. Fest des Schenkens

Es ist erst Anfang Oktober, wenn die Welt der weihnachtlichen Zeichen in den Läden auftaucht. Erstaunt uns das noch? Wir runzeln vielleicht die Stirn und knurren und registrieren vielleicht verärgert, der Rummel fange auch jedes Jahr früher an.

Doch offenbar gehört das Signal des saisonalen Warenangebots zum neuen Rhythmus der Jahreszeiten. Ähnlich wie am Ende der Ferienzeit die neuen Urlaubskataloge erscheinen und die Menschen auffordern, rechtzeitig für eine andere wichtige Zeit – den Urlaub im nächsten Jahr – zu planen, ergeht an uns der Appell, rechtzeitig die Weihnachtsfragen zu klären. Der vorweihnachtliche Konsum stimmt uns auf die nächsten Monate ein, macht uns bereit für das Fest des Schenkens. Und so, durch Bild und Ton weihnachtlich weich massiert, überlegen wir, was wir wem schenken und wem wir diesmal bestimmt nichts mehr schenken – es handelt sich da um oft weitreichende Strategien.

Es ist schon eine besondere Zeit. Zwar hat die Stadt Salzburg sich mit der Nutzung des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ und dem heimeligen Adventsingen weitere Ortsikonen geschaffen und den Salzburger Weihnachtsmythos tief ins Marketing eingegraben. Das Weihnachtliche ist als Konsumangebot bereits ganzjährig in der Stadt als Angebot verortet. Auch im oberösterreichischen Christkindl oder in Rothenburg ob der Tauber in Deutschland können nicht nur die Touristen ganzjährig vor allem alpin angehauchte Weihnachtsdekoration kaufen.

3.1.3. Das „Drei-Königs-Prinzip“

Es ist ein neuer, säkularisierter Advent, der da in unseren Jahreslauf eingebaut ist, und dieser Advent dauert ein ganzes Quartal. Der alte Advent, an dessen Beginn der erst im 20. Jahrhundert übliche Adventkranz aufgehängt wird, mutet demgegenüber bescheiden an. Auf den ersten Blick sind auch nicht alle Zeichen weihnachtlich: Da klappern wieder die Sammelbüchsen, mit denen vor allem Schulkinder für allerlei gute Zwecke auf die Straße geschickt werden. Sie geben uns dann kleine Aufkleber oder Abzeichen für die Kleidung, die uns vor weiteren Anfragen schützen sollen und uns als gute Menschen ausweisen. Die Postzusteller haben mit den Zahlscheinen für karitative und manchmal auch dubiose Initiativen mehr zu tragen als sonst, und die Adressaufkleber, die uns dafür als Dank angeboten werden, häufen sich. An den Haustüren klingeln Menschen mit Sammellisten fürs Rote Kreuz. Und es ist die Zeit der ORF-gestützten Aktion „Licht ins Dunkel“, bei der sich Österreicher als Weltmeister im Spenden feiern können.

Für alle Organisationen scheint festzustehen, dass wir in diesem Weihnachtsquartal besonders mild gestimmt sind, vielleicht auch ein schlechtes Gewissen haben, weil es uns doch ganz gut geht und wir uns deshalb besonders spendenfreudig verhalten. Professionelle Agenturen übrigens nennen das erfolgreiche Sammelprinzip des „Canvassings“, des Herumgehens von Tür zu Tür, in ihrer Marketingsprache auch das „Drei-Königs-Prinzip“, denn vom Sternsingen ist das abgeguckt. Sternsingen sei „lebendiges Brauchtum mit aktueller Bedeutung“, meinte das Presseheft der Diözese Wien zur Sternsingeraktion. Es haben wohl beide recht: Konsum und Brauchtum müssen sich nicht ausschließen. Weihnachtlicher Konsum markiert das Jahr nicht erst heute, und seine Bräuche sind, seit das Fest zum bürgerlichen Schenkfest geworden ist, Teil unserer säkularisierten Welt geworden.

3.1.4. Weihnachten und die „Institution Familie“

Was wir im Advent- und Weihnachtsquartal erleben, ist auf Weihnachten ausgerichtet und enthält Signale einer neuen Einteilung des Jahres. Man kann sich überlegen, womit die Emotionalisierung gerade dieser Jahreszeit zusammenhängt. Ganz sicher ist Weihnachten zum wichtigsten Fest des Jahres geworden, zum Familienfest. Dabei ist die theologische Anbindung an die Heilige Familie und die Heiligung der Familie nicht mehr immer erkennbar. Es sieht so aus, als wolle man mit dem großen Fest auch die Institution Familie (in allen ihren Variationen!) stärken. Denn die herkömmliche Familie ist in unserer Gesellschaft, die auch andere Formen des Zusammenlebens kennt, nicht mehr selbstverständlich. Doch vielleicht liegt es gerade an der Zerbrechlichkeit der Familien, dass symbolisch an diesem Fest und in diesem Weihnachtsquartal Familie und Gemeinsamkeit dargestellt werden sollen.

Wir halten es schwer aus, am Heiligen Abend jemanden alleine, ohne Familie und Freunde, zu wissen. Wer an Weihnachten alleine ist, tut uns mehr leid als einer, der das ganze Jahre allein ist. Verlobungen unterm Weihnachtsbaum sind beliebt, und an Weihnachten werden die Familienfotos gemacht, die dann auf Schreibtischen und in Schrankwänden stehen. Die Familie trifft sich eben an Weihnachten; und manchmal wird da zusammenfotografiert, was im Alltag schon gar nicht mehr zusammengehört. Weihnachten selbst ist zum Moratorium geworden, da ist man friedlich. Andererseits: Gerade an Weihnachten werden familiäre Brüche und Spannungen sichtbar, und der Entschluss, sich scheiden zu lassen, wird – so sagt uns die Statistik – vor allem unmittelbar nach dem Weihnachtsfest gefällt.

3.1.5. Ein Quartal der Geselligkeit

Das Advent- und Weihnachtsquartal ist eine Zeit der kleinen und großen Aufmerksamkeiten, eine Zeit der Geschenke und des Nachdenkens über Geschenke, es ist die Zeit der Weihnachtsfeiern in Vereinen und Betrieben, deren Termine bereits im November beginnen und die sich dann im Dezember heftig drängen. Es ist die Zeit der städtischen Weihnachtsmärkte, die schon so früh im Jahr beginnen, dass man den Punsch noch in leichter Kleidung trinken kann.

Es ist ein Quartal der Geselligkeit und des zu wohltätigen Zwecken getrunkenen Punsches, dessen Dunst schon am frühen Nachmittag durch die Straßen, die öffentlichen Verkehrsmittel und durch manches Auto zieht. Die Menschen scheinen auf einmal geselliger zu sein als sonst und stehen vergnügt schwatzend in Trauben vor den Punschständen; und Frauen dürfen in der Öffentlichkeit trinken. Eine Stadt ohne einen Weihnachtsmarkt muss man inzwischen suchen, sie wäre wohl auch keine richtige Stadt.

3.1.6. Weihnachten – eine Frage des Rhythmus?

Die verlängerte und veränderte Weihnachtszeit gehört zum Rhythmus unserer modernen Lebensordnung. Dabei endet die Weihnachtszeit nicht mehr nach zwölf Tagen und den Raunächten am Dreikönigstag, sondern sie bricht abrupt unmittelbar nach den Feiertagen ab und mündet in Skiurlaub oder Heimreise. Das ruckartige Ende der Weihnachtszeit mag mit ihrem langen Vorlauf korrespondieren – eine neue Einteilung der Jahreszeiten. Was wir Kultur nennen, hat immer mit dem Aufrichten einer Ordnung zu tun. Und wer sich an dieser Kultur orientiert, stimmt in der Regel auch ihrer Ordnung zu. Wenn das so ist, dann haben wir durch unser Mittun dazu beigetragen, eine neue Jahreszeit, eben das Weihnachtsquartal, zum Jahreslaufbrauchtum werden zu lassen, das wir nun leben.

Aber, und das macht die Moderne aus, wir können auch eigene Zeichen setzen und einen eigenen Rhythmus suchen, der mit unseren eigenen Möglichkeiten eine Ordnung schafft, die unsere eigene ist. Kultur ist das Aufrichten einer Ordnung. Diese Ordnung kann heute individuell gestaltet werden. Sie kann sich betont der Tradition zuwenden und dem Konsum verweigern. Sie kann Frank Sinatra und die Kastelruther Spatzen ausladen und das eigene Singen pflegen. Sie kann Altes mit Neuem mischen und eine eigene, individuelle Form wählen. So gesehen, kann die neue Jahreszeit auch dazu anregen, eine eigene Position zu beziehen, die sich dem Konsum zu entziehen sucht und eigene Formen des Feierns entwirft. Das ist das Neue, das man nicht nur kritisch beäugen, sondern auch auf Chancen der Gestaltung ansehen sollte.

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